Leben unterm Ebertplatz

Labor

Die Kunst ist eine ökologische Nische.

Fernab der großen Museen und Events sucht sie sich Orte, an denen sich atmen lässt. Die freie Szene besetzt die Räume, in denen der Kommerz erstickt. Ökonomische Fehlplanungen. Eine Unterführung aus Beton. Ladenlokale im Souterrain. Unterm Ebertplatz eine Welt für sich, eine Welt mit eigenen Gesetzen. Ein Niemandsland, eine Murakamische Zwischenwelt. Afrikaner, Russen, Galerien, Künstler und ein Copy-Shop.

I like it. So wie damals die besetzten Häuser in Aachen. Provisorische Kneipen, Sperrmülltische, gefledderte Sofas, Flaschenbier, Kerzenschein, Punk-Musik. Manchmal gehen die Regeln flöten und Zwischenkulturen nehmen sich den unbeachteten Raum. Und für eine Zeit lang wird es geduldet.

Dort können Dinge entstehen, die dem System entweichen. Dem System des Funktionierens, das dem Duktus der produktiven Geschwindigkeit unterworfen ist. Hetzen. Erledigen. Abhaken. Produzieren. Kosten senken. Gewinne erwirtschaften. Vorwärts gehen. Bitte nicht stehenbleiben.

Köln, Ebertplatz, die Rolltreppen hinunter oder langsam abfallend aus der U-Bahn kommend am Göddertz’schen Brunnen vorbei. In der Ecke links die Obdachlosen. Manchmal laut, manchmal aggressiv, manchmal Russen. Viel Alkohol. Abstand halten, weil es manchmal kratzig wird, unverständlich, gefühlt unangenehm. Liegenlassen.

Die alten Ladenlokale. Vier Galerien. Eine afrikanische Bar, eine Kneipe. Der besagte Copy-Shop. Lebendig. Pur. Herausgenommen aus dem Kontext Köln. Eine eigene Welt. Ich mag sie. Ein Hauch Anarchie. Unpolitisch. Nichts fordernd, nur sein. Subkultur im wahrsten Sinne des Wortes, und doch nicht. Denn: Hier lebt neben allem eine Kultur, eine Kunst, die sich nicht unterordnet. Die sich nicht unterordnen muss. Lebendig, anspruchsvoll. Kein Schickimicki, keine Nase-hoch-Galerien. Kunst um der Kunst willen.

Im Labor Ebertplatz. Gerd Mies, Michael Nowotny, Norbert van Ackeren. Ein ständiges Arbeiten, ein lebendiges Programm, Überraschungen, Aktionen, gelebte Kunst. Für alle. Gegen Spenden in die Spendenbox. Kein Eintritt, keine Security, keine Jackenabgabe. Anfassbar, ansprechbar.

Die nächste Ausstellungseröffnung am Freitag. Wenn ihr Zeit habt. Wenn ihr der Welt entfliehen möchtet. Wenn euch das Leben in der Normalität oben manchmal langweilt. Nehmt die Rolltreppe…

Mila

Sorgenfrei gegenüber von Herr von Eden

Prince

Wo anfangen? Wo aufhören? Vielleicht bei der Musik, dem Ort? Mein Bett. Auf den Ohren per Kopfhörer AWESOME MIX VOL. 1, der Soundtrack zu Guardians of the Galaxy“. Seventies Pop. Geile Scheibe.

Ich war in Köln, bin seit einer halben Stunde zurück. 00:30. Ein Textjob. Eine Internetseite. Ein Kunde einer befreundeten Agentur hatte uns zu einem Arbeitsessen ins Sorgenfrei eingeladen. Wie oft so etwas passiert? Wie viele Finger hat meine rechte Hand? Also da sind dann noch einige frei. Ein wirklich sehr netter Kunde. Eine wirklich sehr nette Agentur.

Meine Wahl fiel auf den Seeteufel mit Chili-Kakaobohnenkruste. Dazu ein Chardonnay aus der Bourgogne und abschließend ein Espresso mit fünf Petit fours. Um das Essen herum haben wir über den Job gesprochen. Ich habe wie immer viel mitgeschrieben, mir ein positives Bild gemacht und freue mich nun, textlich etwas zurückgeben zu können.

Ich war schon am Nachmittag losgefahren, weil die Sonne schien, gerade nichts zu tun war und ich Lust hatte, Köln zu sehen. Durch die Straßen schlendern, die Kamera um den Hals. Gucken, saugen. Stadt. Kosmopolitisches. Landleben ist wunderbar, aber ab und an fehlt der Input. Die Farben, die Botschaften, die Abwechslung, die Geschichten der Stadt. Also habe ich mich hineingestürzt und geguckt und gestaunt.

Gestartet bin ich vom Sorgenfrei in der Antwerpener Straße. Gegenüber von Herrn von Eden, der die Anzüge für Jan Delay schneidert. Ein Couturier. Ein großer, feiner Laden mit vielen, vielen Anzügen. Ein Paradies. Der blaue Samt-Smoking im Fenster zu 700 €. Olala. Herr von Eden eben.

Herr von Eden

Also habe ich mich in die Stadt bewegt. Vorbei an Geschäften. Werbesäulen. Mülltonnen mit Aufklebern. Überall Geschichten, Spektakel, Botschaften. Da wird man als Landei verrückt. Overflow. Scheuklappen müsste man tragen, eine Mütze über den Kopf. Der Modeladen mit dem wunderbaren Namen LIEBLING. Um Gunst ringende Kreativität. Markenarbeit. Positionierung. Auffallen im Haifischbecken der Verlockungen.

Liebling

Ich habe mich treiben lassen. Vorbei an Pauls Restaurant in Richtung Innenstadt. Abgebogen um einen Blick in den Hutladen zu werfen. Die Mützen und Hüte passen zu den Herr von Eden-Kollektionen. Die alte Glühbirne im Schaufenster. Style, die Story von Handwerk, Tradition, den guten Dingen der Vergangenheit. Fehlen zu Anzug und Hut noch die passenden Schuhe. Cortillone, Berlin. Italian Style. Wild, auch mal schön grob, leider auch teuer. Online, nicht in Köln.

Glühbirne

Gelandet bin ich irgendwann im Gloria. Wie früher. Auszeit. Pause. Eine Mail an Viveka, teilhaben lassen, einen Zoff verarbeiten. Kleine Schritte. Die Nachricht von der Säule. Für alle, die mehr wollen.

Für alle die

Zurück durch die Straßen, die Zeit, die Menschen. Zum Text, zum Seeteufel, zu den süßen Petit fours und nach Hause in mein Bett. Ein wunderbarer Ort. Und jetzt: Schön schlafen. Ein neuer Tag, neue Aufgaben, Texte, die geschrieben werden wollen und am Nachmittag ein Telefonat. Infos, Briefing, Rebriefing. Das Leben ist ein Job. Unter anderem.

Gelb

Ich feier mich

Zwei Kleider

Norbert van Ackeren malt Trakl

Trakl1

24. Mai 2012. Das ist fast zwei Jahre her. Eine andere Zeit, als noch vieles anders war. Ich hatte vor, Norbert van Ackeren ein zweites Mal zu interviewen, weitere Bilder von ihm zu sehen, eine Ausstellung im Ruhrgebiet. Es hat nicht geklappt. Ihr kennt das, die Zeit läuft einem davon wie ein hungriger Hund.

Freitag nun. Letzte Woche. Köln, Ebertplatz. Ich hatte auf Facebook gelesen, das Norbert ausstellt. Und dann hatte ich mitbekommen, dass es im Rahmen dieser Ausstellung eine Lesung geben würde. Trakl. Thema der Ausstellung, Hauptfigur der Bilder. Viveka ist mitgekommen. Sie mag Kunst, Gedichte. Sie hat ein feines Gespür, zarte Antennen, einen guten Blick, Instinkt.

Wir haben uns dem Ebertplatz vom Rhein her genähert, mussten unter der großen Straße durch. U-Bahn-Flure. Eine gute Einstimmung auf Trakl. Das Düstere, der Schrei. Expressionismus. Eine Zeit lang habe ich in dieser Welt gelebt. Während des Studiums, die Zwischenprüfungsarbeit in Germanistik. Unser Professor erlaubte, ermunterte uns, etwas anderes zu machen. Keine Wissenschaft, keine wissenschaftliche Arbeit, sondern ein expressionistisches Werk. Einfühlen, eindenken, die Zeit recherchieren.

Ich entschied mich, ein Stück zu schreiben. Gelber Fluss. Irgendwann bat mein Professor einen Freund von mir, mich zum Aufhören zu bewegen. Er hatte Sorge, ich würde in der Zeit verschwinden. Untergehen wie Trakl. Im Sumpf, Elend, im Moder, Morast, in der Verwesung, den Seuchen jener Zeit. Die Köpfe und Herzen waren voll davon, das Leben unter den Zwängen der Zeit unerträglich. Es war viel Dampf im Kessel, die Nerven lagen blank, der Wunsch nach Veränderung war so groß, dass sie, die Expressionisten, begeistert nach Verdun zogen, um sich die Köpfe wegschießen zu lassen.

Ebertplatz

Aus dem Dunkel der betonkalten U-Bahn-Flure in die afrikanische Wärme des Ebertplatzes. Licht im Labor. Werke Norbert van Ackerens an den Wänden, eingebunden in eine Rauminszenierung, eine geschundene Apotheke. Scherben auf dem Boden. Trakl war Apotheker, sein Herz wurde durch eine Überdosis Kokain zum Stehen gebracht. Er hatte einiges nicht verwunden. Die drogenabhängige Mutter nicht, die ihm viel zu nahe stehende Schwester, die Weltkriegsschlacht mit Erhängten und sterbenden Soldaten, die er als Sanitäter nicht retten konnte. Zu viel für eine feine Seele.

Da hängt er ausdrucksstark im Raum mit markantem Gesicht. Norbert van Ackeren hat ihn ergründet, ihn in seine Farben gehüllt vor kupfernem Hintergrund. Ein kleiner Raum, der so viel erzählt. Was würde er mit einem großen Raum in einem großen Museum machen. Wäre ich Kurator. Dürfte ich eine Ausstellung gestalten. Ich wüsste, wer dabei wäre. Der zeitgenössische Underground.

(Ausschnitt)
(Ausschnitt)

Die Lesung fand bei geschlossener Tür statt. Gabriella Weber und Guido Hammesfahrl lasen in weißen Laborkitteln düstere Texte:

Die bunten Bilder, die das Leben malt
Seh‘ ich umdüstert nur von Dämmerungen,
Wie kraus verzerrte Schatten, trüb und kalt,
Die kaum geboren schon der Tod bezwungen.

Und da von jedem Ding die Maske fiel,
Seh‘ ich nur Angst, Verzweiflung, Schmach und Seuchen,
Der Menschheit heldenloses Trauerspiel,
Ein schlechtes Stück, gespielt auf Gräbern, Leichen.
(aus dem Trakl-Gedicht Confiteor)

Als Publikum schauten wir durch die Labor-Ladenscheibe in die Trakl-Apotheke und hörten die Texte per Lautsprecher. Sehr passend, diese Distanz. Ein Aquarium der Worte, eine eigene Welt.

Wieder ein besonderer Abend an diesem speziellen Ort. Es ist anders, wenn einen die Kunst umhüllt. Wenn sie anfassbar wird, weil sie präsent ist, weil keine museale Distanz mit bezahlten Wächtern stört. Das verursacht ein Kribbeln. Kunst kann das und es ist gut, das zu spüren.

Nun wird es einen zweiten Anlauf geben, Norbert van Ackeren zu interviewen und seine Schätze zu entdecken. Ich freu mich drauf.

Trakl2

Feuerwehr, Habermas, Foucault und was genau ist passiert?

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Ich warne euch vor, bevor ihr zu lesen beginnt.

Dies wird sehr wahrscheinlich ein ein wenig kryptischer Beitrag. Das hängt damit zusammen, dass Texter generell ein wenig schräg sind und das Gehirn nach intensiver Textarbeit wie ein überpowerter Prozessor überhitzt. Das kann zu Fehlfunktionen und Übersprungshandlungen führen. Dieser Text ist eine solche Übersprungshandlung, quasi ein Auslaufen, so wie es die Fußballprofis nach ihren Bundesligaeinsätzen praktizieren. Wirr. Ohne Bedeutung. Wie Blindtext. Lorem ipsum. Was Sie hier lesen, macht keinen Sinn und zeigt nur, dass hier etwas Sinnvolles, zum Beispiel Ihre Botschaft, stehen könnte…

Ein Lauf ohne Bedeutung, rein funktional, vielleicht kleine Gespräche, mit sich selbst, ein wenig Reflexion. Allmählich komme ich hier schräg drauf. Ela ist mit Jens, den Kindern und Herrn Cooper an der Küste. Ferien. Derweil sitze ich hier und schreibe für Geld, weil es einiges zu tun gibt. Zwei Tage war ich in der Agentur unter Menschen, seit Dienstagabend bin ich nun mutterseelenallein hier in den dicken Bruchsteinwänden eingemauert. Verbunden mit der Welt nur über die Kupferlitzen des rosaroten Panthers mit dem Pink-T. Telefonate am Abend. Rettungsanker, Handreichungen, Freundlichkeiten. The immense emotional power of warm and heart beating human beings. Sagte ich doch, kryptisch.

Der Kühlschrank leert sich allmählich, die Textaufgabenliste hat sich deutlich verkürzt und später kommt Frau Vi, mich zu retten. Dem Herrn sei dank. Schön, dass draußen die Herbstsonne scheint und alles in warmes Licht hüllt, das mir in appetitlichen Portionen durchs Fenster gereicht wird, als stünde ich in Konsumerwartung am Fenster des MC-Drive-Schalters. Nee, keine Mayo.

Was es mit dem Foto oben auf sich hat? Ist mir eben in die Finger gefallen. Das ist in Köln entstanden und hatte mir schon gefallen, als ich es gemacht habe. Das war auf dem Weg zum Labor Ebertplatz. Ein Parkplatz von einer Brücke. Der Versuch, Ordnung zu schaffen, die sich in den Spuren menschlicher Präsenz verliert. Alles hat seinen Platz, die Linien bestimmen, die Buchstaben sagen es und doch ist klar: Kein Schwein hält sich dran. FUCK. So isses nunmal. So, könnte man sagen, läuft das Leben. Abkommen werden gebrochen, idiotische Entscheidungen getroffen, Kanzlerinnen abgehört. Ein wenig Bad Boy in uns allen. Schnell noch diese kleine Heimlichkeit ungesehen. Ts.

Jim war mit von der Partie, mit auf dem Weg, hatte auch seine Kamera dabei. Einige Schritte weiter schauten wir von der Brücke herab auf Paare am Strand. In Zweisamkeit in der weiten Welt verloren. Zusätzlich ein Vater mit zwei Kindern am Rande. So isses. Insel der Glückseligkeit. Ein erzählendes Foto, kein Tatort wie oben. Lustig sind die Farben. Zuordnungen. Links ist das junge Paar, sie mit pinkem T-Shirt, er mit schwarzer Haut. Rechts die beiden Frauen, vielleicht Mutter und Tochter, in angeregter Unterhaltung. Sie, Miriam die Tochter, gestikuliert mit ausgestreckter Hand: „Weiß du Mama, er hat sich so verändert. Wir wollten, du weißt, und nun ist irgendwie alles anders. Ich wünschte…“ Oder: „Ich kann mein Glück nicht fassen…“ Die Frau rechts in schwarzer Kleidung, beide auf pinker Decke. Die Farben schaffen Verbindungen, das verloren wirkende Sitzen dort ebenso. So klein sehen sie aus, oben von der Brücke hinunter. Ich hatte kein Stativ und kein Tele. Leider ist die Aufnahme nicht scharf. Husch, husch. Egal. Wozu? Die Geschichte ist die gleiche.

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Was sagt uns das alles? Zwei Dinge: Erstens findet Leben größtenteils im Kopf statt. Wir machen die Bilder, definieren sie, interpretieren, ziehen Schlüsse und glauben dann an die Wirklichkeit. Zweitens sind es die Menschen, die diesen Bildern ihre Geschichte geben und uns den Anlass, unseren Kopf zu benutzen und die Relationen zu bestimmen. Früher sprachen wir von Philosophie und Existenzialismus. Wir lasen Foucaults Wahnsinn und Gesellschaft, interessierten uns für Habermas und die Frankfurter Schule und glaubten, irgendwo Strukturen erkennen zu können, die leiten, führen, Sinn geben, retten.

Lest ihr Foucault oder Habermas? Ich auch nicht mehr. Ist das Desillusionierung? Oder Erkenntnis? Nehmen wir an, wir ziehen durch die Welt, so wie Jim und ich es mit den Kameras getan haben, um auf dem Weg zu einem Kunstprojekt die Welt in kleine Rahmen zu packen und sie taschengerecht mitzunehmen, und versuchen, die berühmte Wahrheit zu finden. Was dann? Nichts. Gar nichts. 100% egal. (Haben wir natürlich nicht gemacht, das mit der Wahrheit und dem Finden, wir wollten nur gehen und fotografieren und ankommen. Der angedeutete Tiefendiskurs ist nur Fake, wir bleiben schön entspannt an der Oberfläche, weil ja morgen Feiertag ist. Was feiern wir? Egal. Irgendwas mit Aller. Herzlich Willkommen in der Welt der Entfremdung. Haben wir vielleicht die Wurzeln im christlichen Kontext verloren? Sollte es nicht lieber einen iPhone-Feiertag mit Komplett-Flatrate für alle geben inklusive geschenktem Big-Mac-Menue-XXL? Oh, oh. Er wird zynisch. Böses Vogelzeichen. Keine Sorge, nur ein wenig Sprachspielerei. Zurück.) Wo war ich vor der Klammer? Gebt zu, ihr wisst es auch nicht. Augen hoch und schnell mal nachgelesen.

Ah. Foucault, Habermas, ankommen. Klingt wie die pointierte Zusammenfassung der vergangenen 30 Jahre meines irdischen Lebens.Einfach nur ein paar kleine Details und Arabesken weggelassen. Nun, allmählich kühlt mein Rechenzentrum ab und ich merke, ich falle zurück auf DEFCON 2. So allmählich wieder grüner Bereich oder das, was man so landläufig (was ist das eigentlich für ein komisches Wort?) normal nennt. Gleich stelle ich das Arbeiten ein (morgen Früh muss ich noch frisch eine Runde drehen und mach da für drei, vier Stündchen Allerarbeit draus) und beginne mit der Feierabend-Entspannung. Aufgabenfrei. Die Familienwäsche habe ich gestern erledigt. Drei Maschinen gewaschen und die Wäsche aufgehangen, nachdem ich die von letzter Woche von der Leine geholt hatte. Gefalten ist die nicht, weil wir das im familiären Teamwork machen. Trennen und dann jeder seine, sonst wirste im Zusammenleben mit jungen Menschen im emotional interessanten Alter rechtschaffend bekloppt.

Freunde der guten Unterhaltung und der Herausforderung fiftyfiftyblog, wenn ihr es heute bis hierher geschaftt habt, dann seid ihr echte Eisenbeißer. Congratulations, Orden, Ehrenzeichen, Salut. Peng, Peng. Ich danke allen und insbesondere den Nahestehenden des fiftyfiftyblogs für die wertschätzende Aufmerksamkeit und verbleibe mit aufrechten Grüßen bis zum nächsten Mal, wenn es wieder heißt: Und jetzt alle! Hä? War mir so eingefallen. Malle, denk ich. Kurzschluss im Oberstübchen. Egal, Hauptsache, es macht Spaß und dann in diesem Sinne. Nö. Punkt. Ciao, ciao. Und ab dafür… Blauer Schalter rechts, Countdown und veröffentlichen (ist der Ruf erst ruiniert…).

inner circle.
inner circle.

Paul Bowler & Georg Weißbach bei BRUCH & DALLAS

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Nimmt das mit der Kunst hier gar kein Ende?

Nicht, wenn solche Schauspiele geboten werden. Der Blog hier steht zeitlich immer noch auf Freitag und befindet sich weiterhin in der Unterführung am Ebertplatz. Jim und ich kamen gerade aus dem Labor, haben einen Schlenker durch die Galerie BOUTIQUE gemacht und sind geradewegs bei BRUCH & DALLAS gelandet. Eine weitere Vernissage. Diese Stadt ist verrückt. Geradezu barockarrabesk. Überladend großzügig. Die Augen wissen nicht, wohin, der Geist muss galoppieren, um alles zu erfassen.

Wir nähern uns. Eine andere Galerie, ein anderes Publikum, eine andere Vernissage. Bunt hier. Die Wände hinter dem Glas des Schaufensters die Fläche. Die gestaltete. Das Projekt. Das Bild.

Paul Bowler & Georg Weißbach aus Leipzig stellen aus, treten auf. Jim und ich schauen, versuchen zu verarbeiten. Zu viel des Guten im ersten Augenblick. Wir gehen raus in die Unterführung. „Was riecht hier so gut?“ Ah. An der afrikanischen Bar mit den nahezu ausnahmslos schwarzen Gästen steht Restaurant. Klein. Wäre ich nicht drauf gekommen, hätte es nicht so gut gerochen. Wir setzen uns an die Theke. Bestellen, warten, schauen, essen. Tom kommt. Der Engel. Sagt Sachen, die in einem Gedicht vorkommen. Später. Leicht angetrunken, das beflügelte Wesen. Ein Lächeln, nicht von dieser Welt. Ansonsten handfest, Handwerker, Pfleger – von Pflanzen und behinderten Menschen. Das Spiel, die Realität, die Wirklichkeit und das Leben. Sommer 1990. Ganz Deutschland wird Weltmeister.

Paul & Georg lassen mich nicht los. Jim erzählt. „Die arbeiten mit Zitaten. Da steckt viel Internet drin.“ Hat er abgecheckt. Ich frage ihn: „Fahren wir zurück oder schauen wir uns das genauer an? Ich hätte gerne ein Foto von den beiden. Vor der Wand.“ „Gehen wir.“ Also sind wir rüber. Nach einem ziemlich leckeren afrikanischen Essen und einer skurrilen Unterhaltung mit einem Weisen, der Waise ist. Da gehen Filter verloren und Zartheit katapultiert sich durch die geöffneten Schleusen der erinnerten Verzweiflung in ein tieferes Sehen. Wer da war, weiß, wo es ist, wie es ist. Die Nerven sind feinfühliger, bedachter, brauchen weniger Information. Respekt, junger Mann. Der Rausch, ach, beiseite.

Sie lassen sich fotografieren. Paul nimmt sich Zeit, erzählt. Mir und Jim. Ja, mit Internet hat es viel zu tun. Er kommt aus München und lebt in Leipzig. Mit Georg macht er Kunst. Ist es wegen der Vornamen? Ist es wegen dieses britischen Künstlerpaares, diese beiden Männer, dass sie englisch wirken? Als kämen sie aus London? Oder ist es die Kunst, die sie betreiben. Wirkt so metropolenhaft kreischend. Gut.

Mit Büchern haben sie angefangen. Sich ins Zimmer gesetzt für Tage. Tür zu, Sonne raus, Netz an. Sammeln, jagen, Bilder, Zusammenhänge. Bilderbücher sind entstanden. Zwei mit den Titeln Online-Buch und Online-Buch 2. Jim und ich blättern sie durch. Laute Bilder, schwule Szenen, Frauen mit riesigen Brüsten, Persiflagen, Karikaturen, Verarschungen. Spiel mit Klischees. Laut, bunt, frech. HEUTE. Ganz genau heute. Trash im September 2013. Alles da, alles greifbar.

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Mir kommt der Gedanke, dass dieses Webzeitalter mit all den Irrwegen und verschlungenen Entwicklungen Kultpotenzial hat. Verändert hat sich eh alles. Jedes Kind, jeder Teen ist nur Klicks vom Pornomaterial entfernt. Gewalt, Terror, Faschismus, Perversion – alles gute Nachbarn im Web. Gleich nebenan. Porsche, BMW, Siemens, die Deutsche Bank Tür an Tür mit… Der Youtube-Clip von den hippen Youtubern neben allem anderen. Dazwischen Viren, Geldflüsse, Lauscher, Verrückte und Künstler. Wie Paul & Georg. Ihre Bücher gibt es per Print on Demand im Web. 54 € und 55 € das Stück. Die Webadresse?

Keine Ahnung. Ist alles noch nicht so organisiert. Wunderbar. Frisch. Man muss sich die beiden im Web zusammensuchen. Ihr Projekt auch. Art’n’more. Den Trailer zur Ausstellung in Köln auf Vimeo. Und eigene Seiten haben sie auch. Der Grafiker Paul Bowler & der Maler Georg Weißbach.

In der Kölner Ausstellung treten sie aus ihren Büchern heraus und inszenieren sich selbst. Bilden sich auf den Wandtapeten ab, schaffen sich einen Rahmen aus Sprüchen und Plakaten. Fick dich Paul Klee. CUTE GUYS WITH AMAZING PERFECT DICKS, THAT’S ART NOT PORN. Irgendwo tickt eine Uhr. Es gibt einiges zu entdecken. In den Büchern, an der Wand, auf dem Bildschirm, der dort steht. Es macht Spaß, es ist leicht, es ist in der Buntheit laut. Und es ist JETZT. Kein Retro, kein 68, kein Sonstwas. Leben in dieser Welt im Jahr 2013. So waren sie damals. Das hat es gegeben.

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Tja, und nett sind die beiden. Sehr sympathisch. Keine Allüren, keine Berührungsängste. Diese Unterführung in Köln ist momentan besser und lebendiger als jedes Museum of modern Art. Du gehst rein, du sprichst mit den Leuten, du gehst in die Kunst. Keine Rumschnauzerei des Museum-Ludwig-Wachpersonals: Aufstehen. Sie dürfen sich hier nicht hinsetzen!

Ja, ein wenig Happening. Kunst, die lebt. Wunderbar authentisch und anfassbar. Ihr solltet euch Art’n’more von Paul Bowler & Georg Weißbach ansehen – bis zum 5. Oktober bei BRUCH & DALLAS am Ebertplatz. Lohnt sich. Die haben Potenzial. Grüßt mir Tom, genießt afrikanisches Essen, atmet Kunst und vergesst das Labor nicht. Klar. Und nehmt euch ein wenig Zeit mit. Ein Freitagabend, ein Samstagabend dürfte gut sein.