Exzessiv in Pärissss

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Wenn man von Dingen nicht lassen kann. Wenn es einen zieht, drückt, wirbelt. Wenn das Atmen schwerfällt, weil die Luft der Wünsche dünn wird, der Boden der Gewohnheit sich auflöst, man fällt und steigt, glaubt und verzweifelt in einem Moment. Wenn alles da ist, sich vereint und schon wieder entschwindet.

Paris.

Mein Geburtstagsgeschenk. Lange, lange gewünscht. Genau genommen seit drei Jahren. Kurz nach der Trennung von Ela hatte ich eine Karte gekauft. Damien Rice in Paris. Alles geplant. Dann habe ich in meiner Lieblingsagentur einen Job bekommen und dann kam etwas dazwischen. Ich hätte Tag und Nacht Auto fahren müssen, um das irgendwie hinzubekommen und wäre dann bei einer Präsentation am Morgen gerade rechtzeitig aus Paris zurückgekehrt. Ich wollte dann kurzfristig für Ersatz sorgen und mein Wunschherz in die Watte des tatsächlichen Geschehens hüllen. Hat nicht geklappt. Weil mehr passiert ist, als Wasser den Rhein hinunter geflossen ist. Mein Leben hat sich auf den Kopf gestellt, es war ein emotionales Rodeo, ein Austanzen, Wegatmen. Und ja, Verdrängen.

Letzte Woche irgendwann bin ich 50 geworden. Nun gebe ich es offiziell zu: Ich bin 50! Gleichzeitig merke ich an, dass ich tatsächlich keinerlei Lust empfinde, 50 zu sein. Das ist das Tor zum Jenseits, der erste Schritt ins… Lassen wir das. Natürlich komme ich klar, Pillepalle, eine Unwichtigkeit am Rande des Weltgeschehens.

Viveka hat mich genommen und entführt. Ich wusste seit Monaten von einer Reise. Ich hätte es mir denken können. Voila, Paris. Die Sehnsucht gestillt. Aber. Ey. Sie hat eine echt super Performance hingelegt. Andeutungen, falsche Fährten, ein Wort, ein Lächeln im rechten Moment.

Nun sind wir hier. Gestern mit Germanwings gelandet. Amen. Charles de Gaules. 1999 bin ich hier umgestiegen auf dem Weg nach New York, habe Waris Dirie geholfen, ihre Taschen ins andere Terminal zu tragen. Herr Schönlau als Sherpa der Wüstenblume. Der gleiche Weg.

Vivekas Vater uns gefahren. Stau. Stau. Stau. Bahnstreik. Lokführer. Ey. O.K. Gutes Geld für gute Arbeit. Der 7. Streik. Da fängt es an. Wir haben es geschafft. Pünktlich, glücklich. Wolkenlos bis Paris. Was alles abfällt, wenn es in die Stadt der Liebe, der Freiheit geht. Auf dem Weg zum Gare du Nord ein spanisches Ehepaar mit Liedern der Liebe. Box auf dem Rollwagen, Mikro. Kennt ihr. Schön. Als hätten sie nur für uns gesungen. Wir haben uns angelächelt und klar haben wir Geld gegeben. Gerne. Die Kunst.

Am Gare de Nord mussten wir umsteigen. Unsere Wohnung, die Viveka uns besorgt hat, liegt am Montmarte. 15 Uhr Treffen mit Yan. „Ich habe einen Hut auf.“ Wir sind in Afrika gelandet. Menschen mit schwarzer Hautfarbe. Bunte Kleider, Markt, Fisch, Fleisch, Gemüse. Dazwischen Polizei, die Männer mit Malboros hochnimmt. Leibesvisitation. Fliegende, fliehende Händler. Willkommen mitten im Leben. Wunderbar. Yan meint, die meisten kämen aus Kamerun und Tansania. Dort kommt auch der Fisch her, den wir gerade gegessen haben.

Diese Stadt ist unglaublich. Yan hat uns die Wohnung übergeben. Sie gehört einem Freund, er schläft bei seiner Freundin. „Die Deutschen fragen immer, wo ich bleibe.“ Ich auch. Keine Ahnung, weshalb. Weil ich deutsch bin oder neugierig? Was ist deutsch?

Die Wohnung ist so, dass ich nie mehr weg müsste. Der Eingang zwischen dem afrikanischen Gemüsehändler und dem Schlachter. Gegenüber der zweifach gesicherten Eingangstür sitzen tagsüber afrikanische Frauen auf Bananenkisten. Wir wohnen im 6. Stock. Schauen auf die Dächer des Viertels. Yan hat uns Kaffee bereitgestellt, Tee. Orangensaft, frische Handtücher. Ach. Wenn man so eine Wohnung mietet, übernimmt man ein Leben. Es ist ein verstehen Wollen. Ein Suchen. Wer ist der Mensch, der hier wohnt.

Gerade läuft Pink Floyd. Die Platte Wish you were here. Immer wenn wir hier sind, hört sich jetzt komisch an, weil wir gerade einmal 30 h hier sind, schiebe ich ein CD ein. Ich versuche mal, mich an die Reihenfolge zu erinnern:

Gil Scott-Heron: Pieces of a Man
Miles Davis: Kind of blue
Serge Gainsbourg
The Doors: Sampler
Rage against the machine: Bomtrack, Killing in the name
Patrice: Lions
Pink Floyd: Wish you were here

Und sonst? Metro gefahren, Eiffelturm bei Nacht, Sacre Coeur in der Sonne, Notre Dame, Marais und vor allem: Kaffee im Chez Prune. Dort haben meine Brüder und ich mit meinen Eltern gesessen. Da war der Tisch, an dem wir gesessen haben. Mein Vater hat dort gesessen.

Zwischendurch hat sich Viveka zwei Kleider und einen Rock gekauft, ich habe mir zwei Paar Schuhe gekauft und meine 8 Jahre alten Timberlands entsorgt. Ciao.

Gestern Nacht sind wir bis 3 Uhr unterwegs gewesen. Haben uns eine Stunde lang den Eiffelturm angesehen. Haben in der Nacht gesessen und uns das Teil komplett reingezogen. Je länger man hinsieht, desto wahnsinniger wird dieses Bauwerk. Wir wollten dann die letzte Metro nehmen, hatten aber keine Lust die Welt oben zu verlassen. Also sind wir an der Seine entlang. Immer weiter Richtung Notre Dame. Zwei Stunden. Allein an der Pyramide des Louvre. Und irgendwann in den Nachtbus Richtung Chateau Rouge.

Diese Stadt ist ein Rausch. Wie soll man das alles fassen, erklären? Noch ein Schloss? Noch ein Museum, noch größer. Heute sind wir von Notre Dame über das Marais bis zum Chez Prune gelaufen. Vorbei am Place de Republique. Charlie Hebdo Plakate an der Liberte. Ein Zeltdorf davor. Schwarze. Megaphone. UN TOIT. UN DROIT. Gleichheit, neben der Freiheit und Brüderlichkeit. Wären da nicht die Grenzen.

Die Grundpfeiler. 1789. Wo wären wir? Demokratie in Europa. Umgeben von Afrikanern, die lesen müssen, was mit Afrikanern geschieht, die nach Europa wollen. Hier in der Wohnung bin ich mehrfach dem Satz begegnet: 1ere Classe pour toute le monde.

Einen roten Stern gibt es auch. Das ist alles sehr menschlich, sehr ästhetisch, sehr warm. Die Plattensammlung spricht für sich, alles andere auch. Ich könnte einziehen, sofort, ein neues Leben beginnen. Das wartet eh. Irgendwann. Was wird? Jim und Zoe sind bald so weit. Die Zeichen stehen auf Neuanfang.

Nun gut. Paris. Montmatre wartet. Ich muss, will los. Die Stadt von oben bei Nacht. Korrektur lesen schaff ich nicht mehr. Nur noch einige Fotos. Auch unbearbeitet. Au revoir.

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