Immer am See entlang

Heuwägelchen.

Das hat mein Vater immer zu meiner Mutter gesagt, wenn sie sich im Alltag zu überschlagen drohte. Heuwägelchen. Im Sinne von „Ruhig, Brauner“. Gestern hatte ich einen Termin. Musste raus hier zu einem Briefing. Live und in Farbe. Über die Autobahn und dann die Bigge entlang. Zehn, zwölf Kilometer immer am See entlang. Nach Attendorn. Hansestadt. Sauerland.

Da lag er ruhig und schön, der See. In die Natur gebettet mit leicht gekräuselter Oberfläche. Die Geschwindigkeit war durchgehend auf 70 reduziert, weshalb ich den Tempomat eingeschaltet hatte und locker gecruist bin. Und wenn man dann mal so zur Ruhe kommt, fällt es einem plötzlich auf. So schön, die Ruhe. Kein Wollen, Treiben, Machen. Still und ruhig liegt der See.

In den letzten Monaten war ich sehr umtriebig und habe an allen Ecken und Enden forciert. Als Energietierchen mache ich das gerne manchmal mit Kraft. Oder auch der Brechstange. Augen zu und durch. Hauptsache, es passiert was. Veränderung, Fortschritt.

Nach Sloterdijk geschieht was, wenn man einen Stein ins Wasser wirft. Das schlägt Wellen. Dann ist es aus mit dem ruhig daliegenden See. Meiner ist gerade sehr unruhig, weil ich seit dem Urlaub ziemlich intensiv arbeite. Viele Jobs. Viele Themen. Ganz neue Herausforderungen. Nach dem Frühlingseinbruch hatte ich akquiriert. Nun ist das Echo da und es ist gut. Ganz profan was für den Umsatz tun. Auch bei einem Texter müssen die Zahlen stimmen. Am Ende des Jahres wird abgerechnet. Jetzt sieht es wieder gut aus. Puh.

Darüber hinaus arbeite ich jetzt mit einigen neuen Menschen in neuen Konstellationen zusammen. Wie es aussieht, werde ich demnächst tageweise sogar festfrei arbeiten. Richtig mit Vertrag. In diesem Jahr bleibt hier kaum ein Stein auf dem anderen. Alles verändert sich. Fast alles.

Gestern Abend kam ich dann vom Termin nach Hause. Die Kinder waren im Bett, Ela hat in der Küche Wäsche sortiert, zwischendurch mit ihrem Freund telefoniert und ich hatte eine kleine Bastelsache anzufertigen. Es war eine schöne Atmosphäre. Ruhig, wohlig. Da lag ich wie der See. Wert und Wichtigkeit fernab der Konventionen. Zuhause. Später dann habe ich telefoniert. Das war wie Italien. Zurückbesinnen. Ruhig werden. Den Wert sehen. Von allem. Zurück an den Strand, das Meer, die Sonne, das Licht, die Düfte, die Farben, die Geschmäcker, die Zustände und Momente – all die Bilder im Kopf.

5 Antworten auf „Immer am See entlang“

  1. Hallo Jens,

    ich mußte schmunzeln. Ein „Zauberwort“ und der Modus wird auf Ruhe geswitched. Wunderbar! Und gleichzeitig merkt man die Achtung, die Dein Vater gegenüber Deiner Mutter bewiesen hat. Da kann ich nichts mehr sagen.

    Ich wünsche Dir, daß Du in Deiner Hektik immer wieder zur Ruhe findest.

    LG
    Annegret

  2. Hi Annegret,

    das ist nett: Zauberwort. Darf ich dir was verraten? Das ist es. Mit Tricks arbeiten. Immer wieder. Taschenspieler. Zwinker. Sich selbst bescheissen, hintergehen, austricksen. Klappt wunderbar.

    Ja, da war viel Respekt.

    Die Ruheinseln sind immer da. Spätestens morgens im Wald:)

    Liebe Grüße

    Jens

    1. Hallo Jens,

      ich meine nicht Respekt, sondern – wie soll ich es formulieren ? – beobachten (nicht im Sinne von lauern) und einfühlsam unterstützen. Verstehst Du, was ich meine?

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