Projekt Elaine 7

Cat wachte mit einem sanften Gefühl auf. Die Nacht war unruhig. Begleitet von merkwürdigen Träumen. Sie war mehrfach aufgestanden, hatte etwas getrunken, war auf die Toilette gegangen, hätte sich gerne ans Klavier gesetzt und gespielt. Es war sehr früh am Morgen. Lange bevor Sie aufstehen musste. Die Sonne war im Begriff, aufzugehen, erste Strahlen durch die Bäume im Osten des Grundstücks in ihr Zimmer zu werfen. Die Vögel sangen seit geraumer Zeit, quietschten, schnatterten, jagten umher. Cat hatte das Gefühl. Diese Stimmung. Verletztlichkeit und die wissende Stimme. Dann konnte sie Dinge erahnen. Sehen. Fühlen, spüren. Nicht wie in einer Glaskugel, im Bild gelegter Karten. In ihr. Sie hätte es niemandem beschreiben können, sie behielt es für sich. Hatte nie jemandem davon erzählt. Diese Stimme war ihr wichtiger als andere Stimmen, Meinungen. Wissen. Darauf verließ sie sich. Ein Gespür. Nicht im Bauch, im Kopf. Im ganzen Körper. Mehr als ein Hauch, sie empfand eine Brise. An solchen Tagen fühlte sie sich verwurzelt, als stünde sie mitten in einem großen Wald auf einer sonnenbeschienenen Lichtung mit den nackten Füßen in einem Moosbett. Das Bild hatte sie manchmal vor Augen. Vor dem Aufstehen hatte sie es gespürt. Eine Wärme. Durch den Kopf, den Körper zu den Füßen hinaus. Eingebunden.
Sie ging ins Bad, wusch sich, sah in den Spiegel. Sie hatte die Haare und die Augen ihrer Oma geerbt, behauptete ihre Mutter. Sie hatte ihre Oma nicht mehr kennengelernt, sie war früh an Krebs gestorben. Ein unbehandelter Brustkrebs. Zu spät erkannt. Zu früh gestorben. Ihre Oma hatte auch diese hellgrünen Augen und das feine, glatte braune Haar. Auf den Fotos, die sie kannte, waren die Haare ihrer Großmutter bereits grau. Cat ihre Haare halblang, bis in den Nacken. Dazu ein Pony, hinter dem sie ihre Augen verstecken konnte, wenn es nötig war. Es war meistens nötig. Wenn andere, ihr fremde Menschen, und das waren fast alle, in ihre Nähe kamen. Die junge Frau, die an diesem Morgen in den Spiegel sah, war schön, auf ihre Weise schön, auch wenn sie selbst es so nicht wahrnahm. Es war ihr an diesem Morgen auch egal, weil sie mit dem Aufkommen des sanften Gefühls, wie sie es nannte, die Sicherheit gewann, diesen Tag, diesen besonderen Tag anzugehen. Bald würde sie Susanne sehen. Und nun wusste sie, dass sie Freundinnen werden würden, dass Susanne sie verstehen würde und umgekehrt. Sie hatte keine Zweifel mehr, ging zurück in ihr Zimmer, hing die am Abend zurecht gelegten Kleider zurück in den Schrank und wählte eine enge Jeans und einen schlichten schwarzen Wollpullover mit V-Ausschnitt. Keine Mode an diesem Tag, keine Allüren, kein Dresscode, kein Aufwand. Schlichtheit und Offenheit. Sie würde sprechen, sie hatte es gefühlt. Und Susanne würde antworten. Und es wäre da, das Band, die Ebene, die sie sich immer gewünscht und bislang nicht gefunden hat.

Lächelnd ging sie runter in die Küche, setzte Kaffee auf, altmodisch mit einem weißen Porzellanfilter und einer alten weißen Kaffeekanne. Ebenfalls aus Porzellan, feinem, dünnen Porzellan mit geschwungenem Ausguss und leicht bauchig gewölbtem Körper. Wie ihre Mutter erhitzte sie Evian im Wasserkocher, weil das heimische Wasser aus dem öffentlichen Netz hart und tot war. „Absolut unbrauchbar für das Kochen eines wirklich guten Kaffees“, wie ihre Mutter meinte. Cat hatte es ausprobiert und musste ihr zustimmen, auch wenn sie es für ein wenig snobistisch hielt. Aber wen störte es, außer vielleicht sie selbst. Ein wenig. Ohne auf ihre Mutter zu warten, ging sie los. Sie hinterließ einen Zettel. An diesem Tag wollte sie Gespräch am Morgen mit dem üblichen Austausch von Floskeln. Sie wollte ihr sanftes Gefühl bewahren, das sie nach außen stark, hart machte, das sie aber nur allzu schnell verlor, wenn die Welt auf sie einprasselte. Cat ging viel zu früh los, nahm den Weg durch die Stadt, verzichtete auf den Bus, auf ihren Platz in der Ecke hinter dem Fahrer. Sie ging am Fluss entlang, traf auf die Menschen, die ihre Hunde ausführten, im Park. Setze sich auf eine Bank, atmete tief, genoss ihre Zufriedenheit, den Moment, in dem ihre innere Waage austariert war. Ein schönes, unglaubliches Gefühl. Intensiv, offen. Als es Zeit wurde, zur Schule zu gehen, ging sie los und setzte ihre Füße schnell voreinander. Ein energischer Schritt, ein zuversichtlicher Rhythmus. Es würde gut gehen, sie hatte es gefühlt, sagte sie sich immer wieder. Alles.

17 Antworten auf „Projekt Elaine 7“

    1. Liebe Kristina,

      vielen Dank für deinen Kommentar, der hilft mir sehr. Rückmeldungen helfen mir, Elaine weiterzuschreiben.

      Liebe Grüße

      Jens

    1. Das höre ich natürlich gern. Ist schwierig fü mich, den Text selbst einzuschätzen. Ich weiß nur, Cat, Susanne und Emmi gehen mir nicht aus dem Kopf. Wie geht’s weiter? Die grobe Story steht, aber das Entwickeln der Figuren. Ich mache das zum ersten mal und bin fasziniert von der Arbeit. Tatsächlich würde ich mich jetzt gerne für sechs Monate nach New York zurückziehen. Da kann man so wunderschön ganz allein für sich sein. Und schreiben. Aber: Wahrscheinlich ist das eine Vorstellung. Wäre ich da, würde alles anders aussehen. Und dann ist da ja noch das klitzekleine Thema Geld verdienen… Geht ja auch so, schreib ich halt langsamer. Immer wenn es passt. Aber dann bin ich gerade, wie gestern Abend, dann kommt Jim rein und will was. Klar sth ich dann auf und bin da. Bin ja der Papa und kein Schriftsteller. Muss mir immer ein wenig Zeit für Elaine stehlen. Deshalb der siebte Teil jetzt erst. Und irgendwann der 8. Teil und der 9. und…

  1. Hallo Jens,

    1. November, Feiertag im Ruhrpott, da wollte ich nur mal kurz die letzte Woche bei Dir nachlesen. Und da darf ich feststellen, daß heute ganz viel läuft. Muß aber erst noch einiges erledigen und kommentiere später.

    Viele Grüße

    Annegret

  2. Hallo Jens,

    Elaine 7 gefällt mir ausgenommen gut. Der heutige Text hat so eine unbeschreibliche Leichtigkeit, ein hoffnungsvolles Schweben, oder so. Super! Ich bin total gespannt, wie es vielleicht weitergeht. Bin aber nicht ungeduldig, denn gut Ding braucht Weile.

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      der Text war schwierig zu schreiben. Je weiter ich kome, desto mehr muss ich darauf achten, was ich geschrieben habe. Alles im Kopf, nichts auf Papier. Cat zeichnen, ausstatten, ein Inneres geben. Schön, dass dir der Text gefällt.

      Liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,

    ja, du verstehst es, die Spannung aufzubauen. Huhu – jetzt zittern wir alle mit Cat, wie das weitergeht. Ob es wohl gut geht. Ich fürchte nein. Oder doch? Oh, du Folterer – eine Woche Berlin – wie sollen wir das überstehen? … ;-))

    Deine geneigte/n Leser/in/nen

    LG filomena

    1. Hi filomena,

      die Spannung hab ich ach selbst – wie geht’s weiter? Was glaubst du, was in meinem Kopf schon alles passiert ist. Geht, geht nicht. Will ich, will ich nicht. Passt, passt nicht. Das Schreiben selbst ist dann fast schon Erholung. Es macht Spaß und ist in puncto Schreiben das Intensivste, was ich seit langem zu Papier bringe. Mal sehen, wie weit ich komme. Jetzt ist erst einmal Job angesagt. Die Ruhe des Sommers ist vorbei. Ich weiß noch nicht, wie ich Blog, Elaine, Jobs und die anderen Wesentlichkeiten meines Lebens unter einen Hut kriege. Wir werden sehen. Wie immer: Es bleibt spannend.

      Liebe Grüße

      Jens

      1. Hallo Jens,

        im Herbst kommt oft alles zusammen. Ich habe gerade weiter unten gelesen: Schreiben aus Lust… ich hoffe, das Leben lässt dir so weit Zeit, dass Elaine-Lust-Schreiben sich fortsetzt. Ich hab‘ es da mit Annegret: musst nicht hetzen. Kannst dir Zeit lassen.

        Deine ungeduldig-geduldige Leserin
        filomena

        1. Hi filo,

          du weißt ja, wie das ist. Höhen und Tiefen. Speed und die Entdeckung der Langsamkeit. Inspiration und Sackgasse. Hin und her. Ich bleibe an Elaine dran, brauche jetzt aber meh Zeit, weil ich genauer denken muss. Die Elaine-Story soll noch viele Chapter haben. Das Ganze heißt ja Elaine – und die ist erst erwähnt und noch lange nicht aufgetaucht. Brauche ich ein Fernglas für, um das zu sehen. Oder meine Glaskugel. Ein Langzeitprojekt…

          Liebe Grüße

          Jens

          1. filo – hey ist das süß! – ganz großer smile…

            Hab‘ ich jetzt auch mal nachsinniert: Elaine… wo/wer ist Elaine… Tja, ich hätt‘ da mal schon einen Verdacht. – Und ich muss immer sehr grinsen, wenn ich entdecke, dass ich mich im Labyrinth komplett daneben gedacht habe…

            Ich wünsch‘ dir einen ganz feinen Abend, Jens. Und keinen Knoten im geistigen Multi-Tasking…

            Liebe Grüße
            – tja, ich muss es schreiben: filo =)

          2. Hi filo:),

            wenn ich das alles schreibe, was ich im Kopf habe, ein weiter Bogen, wird hier noch viel Wasser die kleine Wiehl runterlaufen. Du musst bei diesem Experimentalprojekt tatsächlich Zeit und Geduld mitbringen. Denn dieses Mal verweigere ich meinem inneren Zwang das Tempo. Sonst klappt ein so langer Text nicht (also für mich so lang…) Ich bin es gewohnt, in ein Projekt reinzugehen, Vollgas zu geben und wieder raus. Nun ist mit Elaine alles anders. Verwirrend, aber gut.

            Liebe Grüße

            Jens

            P.S. – Sollte ich mal bei einem deiner Kommentare streng werden wollen, kann ich dann filomena schreiben:)

  4. Guten Morgen Jens,

    man muss so aufpassen, wenn man Elaine liest, Stakkatoinformation prasseln auf mich ein. Moment, stimmt das in der Folge mit den Kapiteln davor, ist es stimmig, kann das so sein. Ich lese mit den Augen einer Genießerin, aber auch mit den Augen einer Frau, die selbst schreibt, also welche Augen schließe ich, wenn ich Elaine lese? Ich lese zwei Mal, ein Mal so, das andere Mal so. Heute ist es so, dass ich noch mal zum Kapitel 2 oder 3 zurück muss. Gehe zurück auf Los!

    Herzlich
    Gitta

    1. Hi Gitta,

      die Stakkatoinformation ist ei altes Stilmittel. Ich neige dazu, auschweifend zu werden. Mir selbst aber gefällt es nicht, wenn in Romanen allzu blumig geplaudert wird. Dicke Bücher sind oft schon ein Indiz für einen barocken Stil Natürlich nicht immer. Arabeseken, Verzierungen. Muss man können. Finde ich gut, dass du genau hinsiehst. Habe dich bei Schreiben auch im Hinterkopf. Wobei ich nicht zu realistisch sein möchte, weil ich dann meine Freiheit aufgebe. Die ist mir aber überaus wichtig. Keine Handschellen. Keine Bedingungen. Schreiben aus Lust.

      Liebe Grüße

      Jens

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