Der Blick aus dem Zimmer meiner Kindheit

Schiefer Turm/Kaisersesch. 2013
Schiefer Turm/Kaisersesch. 2013

Was ist Kindheit?

Wenn man Vater ist, was ist Kindheit dann? Das, was man sieht, oder das, was vergangen ist? Kürzlich war ich Zuhause. In dem Zuhause, das mein Zuhause war, als ich als Kind in der Eifel lebte. Von 1974 an. Es war ein Umzug, der mir damals weder gefallen noch geschmeckt hatte. Ich war nicht gefragt und dann meiner Sprache beraubt worden, weil meine Sprache dort keinen Wert mehr hatte: Bist du was Besseres? Bin ich gefragt worden, weil ich die Sprache, die in der Schule gesprochen wurde, nicht verstand, nicht mochte, nicht lernte, nicht sprach.

Die Sprache war laut, rau, kehlig. Krankheit hieß die Freck. Wer tot war, war kapott. Eine Küche hieß eine Küsch. Mir tat es weh, auf das e zu verzichten, das s einzufügen, also habe ich es nicht getan und habe mir einen schwarzen Hund besorgt und habe mich aufgemacht in die Wälder. Aus denen bin ich erst wieder heraus gekommen, als ich die Eifel verlassen habe. Mit 17. Ich war im Krieg mit diesem Dorf, das mir nichts wollte. Es war die Sprache, die schmerzte. Ich habe mich arrangiert, habe mich bemüht, habe mich integriert, aber. Es ging nicht. Es gibt Orte, da gehört man nicht hin. Beim besten Willen. Es ist eine Aufgabe, sie nicht zu verdammen, Frieden zu finden.

Weshalb ich das hier schreibe? Tagebuchnotiz. Vervollständigung meiner Aufzeichnungen. Erinnerungen aufgrund eines Fotos, das ich kürzlich geschossen habe. Meine Mutter ist 75 geworden, ich war mit Viveka und Zoe dort, habe meine Brüder getroffen, habe aus dem Küchenfenster gesehen, das früher mein Kinderzimmerfenster war. Wir hatten uns ein Zimmer geteilt, mein jüngerer Bruder und ich. Später, im spannenden Alter habe ich das Zimmer mit einem Schrank geteilt. Ich wollte alleine sein, dafür habe ich in Kauf genommen, auf Tageslicht zu verzichten. Es lief Cat Stevens, ich trank parfümierten Tee von Sir Winston. Die Dose in Rosa, Jasmin, das Teeservice mit Stövchen aus dem Supermarkt für 9,99 DM.

Die Kirche. Ich wollte Messdiener werden, weil ich Geld mit dem Austragen des Pfarrbriefs verdienen wollte. Kein Job für Evangelische, die eh merkwürdig waren. Diaspora, kleine Kirche oben auf dem Berg. Bist du in einer Sekte? Manches Wissen war zu der Zeit noch wie geheim, die Autobahn hatte das Dorf erst kurz zuvor erreicht, und tatsächlich hat es Menschen gegeben, deren weiteste Reise im Leben bis nach Koblenz geführt hatte. Ja, ich war evangelisch. Nein, das ist keine Sekte. Ich habe dann einen anderen Job gefunden. Samstags die Straße kehren bei Dr. Meyer und seinen Schwestern vor dem Haus, das für mich eine Villa war. Das Fegen wurde kontrolliert, manchmal musste ich nachfegen. Gut. Für 40 DM im Monat, kein Problem.

Dr. Meyer war im Ruhestand. Er hätte meinen Vater retten können, aber niemand hat daran gedacht, ihn zu holen. Das war 1976 während der Fußball-Europameisterschaft. Meinem Vater war es nach dem Spiel gegen Jugoslawien nicht gut. Es war der 17. Juni 1976. Deutschland gewann nach Verlängerung, mein Vater ließ seine linke Körperhälfte in der Nacht. Der Schlag. Der Arzt kam erst am nächsten Abend. Keine Zeit. Dann war es zu spät. Krankenwagen, Blaulicht, zwei Jahre später kam er zurück. Wie sein Vater nach dem Krieg, verändert, abgemagert, traurig.

Er hat sich zurückgekämpft, hat Autofahren gelernt, hat getanzt, gefeiert wie kein Zweiter. Er ist ein wilder Mann geblieben und hat bis zu seinem Tod drei weitere Schläge überlebt. Ein zäher Brocken. Wenn ich auf diesen Kirchturm schaue, der gerade restauriert wird, denke ich an ihn. Die Zeiten früher, als ich Kind war, als die Autos orange waren, die Väter Koteletten trugen und Hosen mit Schlag. Verrückt.

Nun sitze ich hier in der Küche. Nebenan drückt sich Jim davor, seine Wäsche vom Boden zu räumen. Ela und Zoe sind in Wuppertal und schauen ein Stück von Pina Bausch. Ende November hält Zoe ihren Vortrag. Sie wird über das Leben der Pina Bausch sprechen und dann wissen, was in ihr getanzt hat. Herr Cooper liegt zu meinen Füßen, leckt sich die Pfoten und morgen Früh werden wir in den Wald gehen. An den Ort, wo meine Heimat ist, wo ich immer und überall Zuhause bin, wo die Seele es warm hat, nichts will, nicht schaut, nicht macht, nur ruht in allen Zeiten.

2 Antworten auf „Der Blick aus dem Zimmer meiner Kindheit“

  1. Hallo Jens,

    das muß schwer für Dich gewesen sein, so ein Umzug und seine Folgen. Nicht angenommen werden, weil man woanders herkommt, weil man nicht die gleiche „Sprache“ spricht, weil man eine andere Religion hat.
    Ich weiß noch, wie ich im Schwabenländle angekommen bin. Mein jüngerer Bruder hatte mich dort hingefahren. Ich war mit der Schule fertig und wollte zu arbeiten anfangen. Als ich bei meiner Hauswirtin klingelte, schaute sie aus dem Fenster und sagte irgendetwas auf schwäbisch, was ich nicht verstand. Ich bat sie, alles noch mal etwas langsamer zu wiederholen. Dann ging es. Nach einer Mahlzeit in der Bahnhofswirtschaft (schwäbischer Kartoffelsalat und eine heiße Rote (Wurst) fuhr mein Bruder wieder heim. Der Start der Arbeit war etwas holprig. Der Vorteil in der Firma war aber, daß es viele „Zugereiste“ gab (d.h. Nicht-Einheimische) und daß man von älteren Herrschaften (Alte Garde von Sekretärinnen) unter die Fittiche genommen wurde. Nach 11 Jahren war meine „Sprache“ automatisch angepaßt. Da sagte man beim Bäcker Wasser-Weggle statt Brötchen und wenn man sich verabschiedete, sagte man adé statt auf wiedersehen.

    Für mich ist Kindheit meine eigene Kindheit und die meiner Kinder. Zu vergleichen sind die beiden nicht, weil die Voraussetzungen anders sind. Man muß eben das Beste daraus machen.

    Dir, lieber Jens, wünsche ich ein schönes Wochenende.

    LG
    Annegret

    P.S.: Das Sandmännchen hat mich heute vergessen!

    1. Liebe Annegret,

      das war nicht schön. Vielleicht deshalb, kann ich Lampedusa und Hamburg nicht verstehen. Letztlich ist es Arroganz und Verbohrtheit, die sich mit Dummheit paart. Bei meinen Kindern war ich manchmal hart. Waren da Tendenzen, ein Kind im Spiel auszugrenzen, habe ich mein Veto eingelegt. Ich kenne das Gefühl, es ist nicht schön und macht keinen Sinn. Menschen. Bei aller Schönheit, die sie verkörpern, bei aller Menschlichkeit, für die sie stehen, sind sie manchmal einfach unerträglich. Da man aber letzten Endes selbst für sein Glück verantwortlich ist, gilt es, zu lächeln und den Wind durchwehen zu lassen.

      Viele, viele Grüße

      Jens

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