Kann mal jemand die Welt anhalten?

Möchte mal kurz aussteigen. Reitet ohne mich weiter, das ist mir alles zu schnell. Um 5.56 Uhr ging mein Wecker. Kinder geweckt, Zoe die schmerzende Schulter eingerieben, Brote geschmiert, Kaffee gemacht, Saftflaschen aufgefüllt, Elas Cappuccino vorbereitet und ans Bett gebracht, die Kinder zum Bus, weitergefahren zum TÜV. Termin um 7:30 Uhr. Im Radio die Nachrichten. Was für Nachrichten.

Der Bundestag trifft sich, um über das Problem des real existierenden Nationalsozialismuses zu debattieren. Irgendwo im Hinterkopf kommt da der oft gehörte Satz hoch „Das darf nie wieder passieren.“ Ups. Neun Tote. Falsche Einschätzungen, Pannen und der Nationalsozialismus in Deutschland feiert seinen größten Erfolg seit langem. Es wird eine Entschädigung für die Hinterbliebenen geben und ich hoffe auch Entschuldigungen. Zumindest das. Und vieles mehr. MANN! Außerdem haben sich die Republikaner und Demokraten in den USA in der Superkommission nicht auf einen Sparkurs einigen können und in Ägypten will nach den Toten auf dem Tahirplatz die Regierung zurücktreten.

Gebe den Wagen beim TÜV ab. Setze mich hin, lese den Spiegel. Eine alte Ausgabe. Vorne drauf wird an Loriot erinnert, innen drin der Zusammenhang zwischen Spekulationen und dem Hunger in der Welt erklärt. Die Banken und Fonds haben sich auf die Lebensmittel der Welt eingeschossen. Die Lebensmittelpreise sind exorbitant gestiegen und die Zahl der Armen in der Welt ist seit letztem Jahr durch diese Preiserhöhungen um 44 Millionen gewachsen. Wachstumsphilosophie.

Radio aus, keinen Spiegel lesen. Am Auto ist ein Stoßdämpfer kaputt, ich muss wiederkommen, noch einmal eine Gebühr zahlen. Was solls. Ich kann mir Lebensmittel kaufen. Viele Lebensmittel. Sogar in Bioqualität. 8:02 Uhr. Ich bin wieder Zuhause, schnappe mir den Hund, erzähle Ela von den Stoßdämpfern, die Sache mit den Nazis, den Amis, Ägyptern und dem Hunger in der Welt wegen Lebensmittelspekulationen lasse ich weg. Auf der Rücktour habe ich Jonathan Jeremiah gehört. A little bit of happiness again. Sonnenaufgang, roter Himmel über dem Wittgensteinschen Land.

Raus mit Cooper. Auf die Höhe. Die Sonne geht auf, alles ist weiß gefroren. Ruhe. Die Sonne steigt, dennoch scheint die Welt hier tatsächlich ein wenig still zu stehen. Steige aus. Gehe vom Weg. Da liegen die Gerippe. Die Knochen der Dinosaurier. Von Kyrill zu Bergen aufgetürmt. Sturm-Hinterlassenschaften. Kann ich jetzt mal bitte nicht an Klimawandel denken. Kopfkino aus. Pausetaste. Ich hätte meditieren sollen, statt TÜV.

Ist trotzdem schön, diese Natur. Die Äste der kleingesägten Fichten liegen auf Haufen. Wie Strandgut. Manchmal ist die Natur hier wie das Meer, die Wiesen so weit, die Asthaufen wie angespült. Steife Brise von West. Alle Mann in die Wanten. Und die Frauen auch. Durchwehen, den Kräften trotzen, die Energie spüren. Harren. Der Dinge.

Andy Goldsworthy. Nature Art. Ela hat mir von ihm erzählt, Fotos gezeigt. Seither laufe ich mit einem anderen Blick durch die Natur. Sehe Skulpturen, hingewehte, herausgewachsene Gebilde. Mein Museum. Nicht die geliebte Modern Art, etwas anderes. Ein Suchrätsel, ein Entdecken, Finden, Gedankenspielen. Erholung. Spaß. Ja. Und den wünsche ich euch. 9:24 Uhr. Gehe endlich an die Arbeit. Raus aus dem Kopf, rein in die Profession. Das Handwerk. Gleich ein Interview mit einer Musikerin in Norwegen. Norwegen hatten wir dieses Jahr doch auch schon…

12 Antworten auf „Kann mal jemand die Welt anhalten?“

  1. Hallo Jens,

    was hilft es, die Welt anzuhalten? Die Probleme bleiben dann doch erhalten. Da ist es einfacher, zwischendurch öfter kleine Auszeiten zu nehmen und sich kopfmäßig zu erholen, mit einem Besuch in der Natur, mit Meditation, mit Musik, mit einem Buch….

    Viele Grüße

    Annegret

    1. Hi Annegret,

      nur für kurze Zeit. Ausblenden. Die Wel.t als Karussell und dann eben mal aussteigen und woanders weiterfleigen. mal auf dem Mond oder mars leben und denken: Macht ihr nur dort unten. Was ihr wollt, ich habe jetzt mal Pause. Klar, natur und Literatur sind ja solche Wege des kurzen Fliehens und Zurückziehens.

      Liebe Grüße

      Jens

  2. Hallo Jens,

    whow, ich lese Deinen Artikel und da ist es wieder. Dieses Gefühl, diese universelle Energie, die an vielen Stellen, bei vielen Menschen Ähnliches auslöst. Toll!
    Wir sind nicht allein, alles hängt zusammen. Auch heute – auch in meinem Kopf Chaos, Erschöpfung und der Ruf nach Ruhe, Abschalten, Entschleunigung.

    Die kommende besinnliche Weihnachtszeit ist ein idealer Zeitpunkt und vielleicht gelingt es, sich dem Trubel bewußt zu entziehen.

    Liebe Grüße und – schöne Fotos!
    Tine

    1. Hi Tine,

      manchmal ist das so, dass es ein gemeinsames Fühlen gibt. Gemeinsame Sehnsüchte. Wir alle haben auf diesem Planeten ein hartes Jahr hinter uns gebracht. Mein Gott, was alles passiert ist. Die Nachrichtenzusammenfassungen am Ende des Jahres werden bombastisch… Da kommt die Weihnachtszeit mit Besinnung gerade recht. Muss jetzt auch mal durchschnaufen und zurückschalten. Blog, Job, Familie, Gedichtband – zu viele Bälle in der Luft. War ein intensives Jahr.

      Danke für das Foto-Kompliment und liebe Grüße

      Jens

  3. Hallo Jens,

    ein sehr schöner Text.
    Ja, die Natur ist schon etwas ganz besonderes. Da kann man sich manchmal schon an Kleinigkeiten (die eigentlich ganz großartig sind) erfreuen. Auf dem „Hügel“ auf dem ich arbeite, sehe ich morgens die Sonne scheinen und den Nebel noch tief über der Mosel liegen. Und Mittags, wenn die Sonne es geschafft hat, den Nebel zu vertreiben, lauf ich einmal um den „Hügel“ herum und genieße den Ausblick auf die vielen kleinen Verästelungen der Moselnebentäler und freue mich an diesem sich jeden Tag anders gestaltenden Schauspiel. Und so staune ich nicht nur über die Schönheit der Natur, sondern auch über mich und die Erweiterung meines Bewusstseins – habe ich doch als ganz junger Mensch, das alles gar nicht so wahrgenommen.
    Herzliche Grüße

    Nicole

    1. Hi Nicole,

      schön, von dir zu hören. Ich hoffe dir geht es gut.

      Danke für das Textkompliment, nehme ich gerne an. Mir geht es ähnlich wie dir, wobei ich natürlich nicht auf das schöne Moseltal gucke, aber auf die Hügel und Täler des Oberbergischen. Ich bin jeden Morgen mit meinem Hund unterwegs und kenne hier im Umkreis des Dorfes tatsächlich bald jeden Strauch. Für mich ist es einfach immer wieder faszinierend zu sehen, wie sich die Natur stets neu erfindet. Durch die Jahreszeiten, vor allem aber durch die Lichtverhältnisse. Meistens habe ich meine Kamera dabei und bin oft überrascht, dass eine bekannte Ecke wier einmal ganz anders aussieht. Es gibt so viele Lichtstimmungen. Diese Spaziergänge mit meiner schwarzen Bestie genieße ich sehr. Bei mir hat die Natur irgendwie immer schon eine große Rolle gespielt. Ich war schon als Kind gerne mit unserem Familienhund im wald unterwegs. Aber sicherlich sehe ich die Natur heute auch anders.

      Liebe Grüße

      Jens

  4. …eingebunden sein – in diesen struggle – ich unterhielt mich grade darüber ob in denglish oder esparanto – es bleibt egal – es sind Nuoancen und die stehen für´s da stehen. Weit weg von einander und doch so nah beisammen.
    …und man hat mich grad entführt – aus dem Schlaf, hin zu dem Leben.
    Ich bin dankbar dafür!
    (Anmerkung: ich wollt mich ablegen weil das Leben von der falschen Seite an mir nagt.) Als wenn sie Gespürr dafür gehabt hätten -meine Kinder… Jetzt sitze ich in ihrem Heim an ihrem Laptop und bin doch noch mal wach. Und es ist immernoch heute.
    tja, …LG.

    1. Liebe Edelgard,

      schön, wenn man Kinder hat:) Ich hoffe, du hast das Wochenende heimelig verbracht und konntest dich aus dem strupple herausziehen.

      Dir eine schöne Woche.

      Liebe Grüße

      Jens

  5. Hallo,

    vielen Dank für den Text.

    Ja, manchmal möchte auch ich einfach aussteigen aus der Betriebsamkeit. Dann tut bereits eine kurze Ruhepause gut. Und eine Besinnung auf das Wesentliche im Leben.

    Liebe Grüße, Michael Rothe

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