Mit Barbara Schachtner durch das Deutzer Zentralwerk der schönen Künste

Für Sebastian

Letzte Woche erreichte mich eine Mail mit der Frage, was mit dem fiftyfiftyblog los sei. Alles in Ordnung? Yep. Alles im grünen Bereich.

Nur: Die Dinge ändern sich. Viel ist derzeit von Transformation die Rede. Auf dem Weg zur Arbeit kürzlich hörte ich im Deutschlandfunk einen Bericht über ein Soziologentreffen in Jena. Transformation, Veränderung, Neudenken von Gesellschaft. Es ist viel los im Staate Dänemark und es gibt viel zu tun, um all die Fragezeichen in den Köpfen der Menschen durch grüne Häkchen zu ersetzen.

Transformation. Ein Ort, der Transformation lebt. Anja Kolacek, Marc Leßle, raum 13 und mittlerweile eine Heerschar Helfender und Unterstützender. Menschen, die anpacken, mitdenken, mitgestalten. Nur kurz: Es geht um einige verbliebene Hektar Land in Köln. Irgendwo zwischen Deutz und Mülheim. Hier wurde der Otto-Motor erfunden, von hier startete die Ära des Automobils und der Individualmobilität. Im Jahr 2019 durchaus ein Thema, das beschäftigt.

Ein Ort mit Kraft und Vergangenheit, der zwischen Bewahren und Verkaufen an Immobilieninvestoren schwebt. Platt machen oder überführen? Bagger oder Denker? Sprengen oder transformieren? Wohnen oder leben? Alles zum Thema findet ihr auf der Seite von raum13.

Gestern Abend hatte raum13 eingeladen, die Erfinderstätte mit der Sängerin und Performerin Barbara Schachtner klanglich zu entdecken. Die Einladung war per Mail gekommen und ich wusste, dass ich das auf gar keinen Fall verpassen wollte. Never ever, wie meine Liebste gerne sagt.

Klanglich erleben. Mit den Ohren sehen, mit den Augen hören, mit den Gedanken spüren. Wir trafen uns im Foyer der alten Fabrik, um uns auf eine Reise durch Räume, Vergangenheit und uns selbst zu begeben. Da sind zunächst die starken visuellen Eindrücke. Die Räume, in denen das Leben dieser Fabrik, dieses historischen Ortes stattgefunden hat. Die Räume des Betriebsrates, der Personalabteilung, der Geschäftsführung. Die Hallen, in denen die Motoren montiert wurden, die Duschräume im Keller, der Hof, der von Betriebsamkeit erzählt.

Bislang habe ich all diese Räume und Orte bei meinen Besuchen fast ausschließlich mit den Augen gesehen. Visuell wahrgenommen. Gehört habe ich die klangvollen Konzerte (irre intensiv – die Musikkollektive rund um Hans-Joachim Irmler), die Diskussionen um Zukunft, die Vorträge zum Thema Zukunftskunst, all die Stimmen der Besucher*innen…

Aber den Ort habe ich bislang nicht gehört. Barbara hat ihn uns gezeigt. Transformation im Kleinen und Großen. Dinge zulassen, die da sind, aber nicht gesehen, gehört werden. Vom echobeladenen Flur in den gedämpften Besprechungsraum der Chefetage. Erst einmal Klappe halten. Hören, wahrnehmen. Sich Raum und Zeit nehmen, dort zu sein. Mit allen Sinnen.

Sensibilität, Zartheit des Augenblicks. Seele. An einer Wand das Zitat: „Wir erleben die größte seelische Veränderung seit der industriellen Revolution.“ Das Wort Seele hat mit gut getan. Meine habe ich kurz durchflackern sehen, hören. Man muss die gewohnten Pfade verlassen, um wahrzunehmen, was ist, um zu denken, was sein kann. Darum geht es an diesem wunderbaren Ort, der seit Jahren aufgeladen wird durch Menschen, die bereit sind.

Querdenken, wird das lapidar genannt. Aber, verdammt nochmal, wie macht man das? Mal eben quer denken? Nicht mehr geradeaus stringent, nach Norden, Süden, rechts, links? Quer. Dann mal viel Spaß beim Machen. Hinsetzen und quer denken. Klappt doch nicht. Was bitte schön, soll das Quer denn auslösen, wenn man auf geradem Weg unterwegs ist?

Theatrale Werkstatt. Zukunftskunst. Anstöße. Korrektive.

Das ist ein Prinzip. Die Antwort nicht schon kennen, bevor die Frage gestellt ist. Innovation in seiner schönen, nicht ausgelatschten Bedeutung. Die Innovation des Denkens und Fühlens. Sich einlassen, bereit sein, offen.

Hören.

„Hört ihr den Raum?“ Au Mann, und wie! Das war der helle Wahnsinn. Du stehst in einem Raum, von dem du glaubst, dass du ihn kennst. Du hast ihn ja schon öfter gesehen. Und dann hörst du ihn. Und dann passiert etwas. Du veränderst dich. Veränderst deine Haltung. Und eben nicht nur zu dem Raum. In deinem Kopf geschieht etwas. Hören, Sehen, Gedanken fließen ineinander und geben ein kompletteres, komplexeres Bild. Das hat sich gut, richtig, schön, seelenvoll angefühlt. Inspirierend.

Wir waren in vielen Räumen, es war eine lange Reise, die nicht hätte aufhören müssen. In den verlassenen Räumen der Chefs haben wir die Räume klingen lassen. „Nehmt euch einen Raum. Lasst ihn klingen.“ Einzelne verschwanden, andere hörten vom Flur aus zu. Es entstand ein Klangteppich aus Gegenwart und Zukunft, aus den Stimmen des Jetzt und den Geräuschen der Vergangenheit. Lachen, Schreien, Trommeln traf auf das Klappern der Schreibmaschinen. Hören, was im Raum ist. Fernab des Rationalen. Spüren, wozu unser Geist in der Lage ist. Transformation, verändern, Sinn und Verstand neu justieren.

Das war ein außerordentlich intensiver, erhellender, schöner, wertiger Abend. Es lohnt sich immer wieder, raum13 zu besuchen. Dort geschieht Fantastisches. Hier lebt die Hoffnung, dass sich die Dinge zum Guten wenden lassen. Nicht einfach an Investoren verkaufen, einreißen, Geschichte entfernen, sondern gestalten, entwerfen, quer denken, innovativ sein. Quer denken: Wie wollen wir morgen leben? Den guten Köpfen, den Menschen in Köln Raum geben.

Einmal nicht zubetonieren.

Die Chance besteht. Wie wertvoll dieser Raum, dieser Freiraum, dieses Projekt ist, zeigt sich mehr und mehr. Es sich nicht mehr erlauben, auf die Impulse zu verzichten, die Querdenken, neues, frische Denken, ermöglichen.

Herzlichen Dank, Anja, Barbara, Marc für den Abend und alles.

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