In welcher Einheit wird das Glück gemessen?

Zeit, zu reflektieren.

Es waren aufregende Jahre, die durch existenzielle Koordinaten im Kosmos meines Lebens verortet sind. Ich schreibe über mich. Mein Leben, mein Blog, mein Tagebuch, meine durchlebten Jahre.

2012. Das einschneidende Jahr. Der Anruf. Papa ist tot. So nah war in meinem Leben kein Einschlag gekommen. Nicht, dass da keine Ansagen gewesen wären. Von wegen aus heiterem Himmel. Ich hatte schon viel früher damit gerechnet, drei Schlaganfälle muss man erst einmal wegstecken. Hat er gemacht. Rolf Schönlau, geboren am 26. März 1934 in Schötmar. Gestorben am 1. Februar 2012.

Ich fuhr nach London, besuchte einen Sprachkurs im buddhistischen Zentrum, lebte eine Woche in einer WG. Junge Eltern mit Kind, ich auf dem Sofa. Mittendrin sozusagen. Tat, was ich in Städten tue. Theater, Museen. Menschen, Kneipen, auf ein Bier. Reden. Reden.

Sonntagabend landete ich in Köln, wurde abgeholt. Der Papa, Küsschen, Geschenke. Am Morgen das Treffen in der Küche, die Worte, das Aus. Der Schmerz, das Leiden, die Tränen, die Kinder, das Zusammennehmen, Aufbäumen. Es würde nie wieder so sein. Ein Sommerurlaub in Italien mit Kindern und in spezieller Konstellation. Zu fünft, zwei Autos, drei Erwachsene, die neue Familie.

Hatte ich Schiss vor den drei Wochen. Als ich nach durchfahrener Nacht morgens am Meer stand, war ich eigentlich nicht mehr da. Aufgelöst, pulverisiert, Energielevel im Minusbereich. Ich hätte einfach tot umfallen können, es hätte mir nichts ausgemacht. Nun gut. Die Kinder, der Optimismus, das Meer, Italien.

Viveka.

Wir hatten uns im Jahr zuvor kennengelernt, zwei Familien. Sie sollte mich ablenken, mit mir ausgehen. Sie war auf mich angesetzt worden. Kümmere dich um Jens. Man könnte sagen, eine Mitleidsnummer. Sie hatte mir vorher geschrieben, einen Brief. Papier, Tinte, ein Geschenk, ein Buch und ein Zitat aus dem Buch.

Das Zitat lautete „Das Lächeln von den Lippen küssen.“ Ihr Kommentar dazu, „dass dir das einmal passiert, das wünsche ich dir.“

Wie oft seither hat sie mir das Lächeln von den Lippen geküsst. Im Sommer 2012 in Italien habe ich mich in Viveka verliebt und diese Liebe hat in den vielen Jahren seither keinen Deut nachgelassen.

Viveka ist ein polarisierendes Wesen. Man mag sie, oder man mag sie nicht. Sie ist keine leichte Kost, sagt eins zu eins, was sie denkt. Oft kassiert sie dafür Prügel, die sie einsteckt oder mit einem leidenschaftlichen Zorn pariert. Sie ist ein Wesen, das man nicht von Bäumen pflücken kann. Ihr Herz ist so groß, wie ich selten eines erlebt habe.

Sie hat auf Jamaika gelebt, war lange in Asien. Sie hat alles immer so gemacht, wie sie es wollte. Statt Ausbildung Jamaika, statt Führerschein Flugticket. Ich kenne keinen anderen Menschen, der dem Leben so konsequent und furchtlos begegnet.

Sie treibt mich in den Wahnsinn, fordert mich, weitet mein Denken, meinen Blick auf die Welt. Sie hat mich stärker und in vielem radikaler gemacht. Sie hat einen Teil meiner bürgerlichen Grundfesten aufgelöst. Ich habe Grenzen fallen lassen, habe das Leben tiefer geküsst und geschmeckt.

Viveka ist wie mein Vater am 26. März geboren. Wir beide sind Widder, ich bin Widder mit Aszendent Widder. Unsere Möglichkeiten, aus der Haut zu fahren, sind umfassend. Manchmal müssen wir unserer Intensität aus dem Weg gehen, weshalb es nicht schlecht ist, in einem Haus mit vielen Zimmern zu wohnen. Wir haben beide die Fähigkeit, schnell wieder zu lachen. Und wir verletzen einander nicht. Es bleiben bei aller Intensität keine Kratzer.

In welcher Einheit wird das Glück gemessen?

Ich weiß nicht, wie es bei euch ist. Es ist schwierig. Es gibt keine Skala zwischen 0 und 10. Oder?

Gerade ist es schön. Nach acht Jahren habe ich das Gefühl, Boden unter den Füßen zu haben. Ein Leben jenseits all des Wahnsinns. Wochenendbeziehung, zwei Jobs, zwei Kinder und das ganze Familientrallala im Übergang.

2016. Der Verkauf der alten Schule. Im Mai war sie weg, im August musste ich ausziehen. Wohin? Ich habe das alte Steigerhaus hier in Mühlhausen gefunden. Mir war nicht klar, ob ich es mir würde leisten können. Wir hatten Glück, haben die Schule mit Gewinn verkauft und so hatte ich Grundkapital. Die Zinsen waren niedrig, eigentlich passte alles. Der Verkäufer und ich wurden uns einig, dann rief er an. Doch nicht. Es würde finanziell nicht passen.

Die Zeit lief, der August kam näher, ich suchte nach Optionen. Container für die Klamotten, irgendwo unterschlüpfen. Wollte ich nicht. Manchmal habe ich einen guten Drive und kann Menschen sagen, was sie tun sollen. Ich habe den Verkäufer angerufen und ihm gesagt, dass wir das jetzt gemeinsam durchziehen. Dass ich das Haus kaufe, mich um alles kümmere und ihn von aller Last befreie. Er hat zugestimmt. Ich wusste damals nicht, dass ich das Haus zu einem Spottpreis bekommen habe. Für mich war das viel Geld. Nach vier Jahren ist das Haus fast doppelt so viel wert. Manchmal belohnt ein lieber Gott die Phasen des Leidens.

Nun lebe ich hier. Nun leben wir hier.

Gleich kommt mein kleiner Bruder mit seiner Frau. Seit unsere Mutter am 1. März gestorben ist, haben wir uns selten gesehen. Die Zeit davor ständig. In Krankenhäusern, im Pflegeheim. Drei Brüder.

Acht Jahre voller Veränderung.

Jetzt sitze ich in der Küche, die Desserts sind fertig, alles ist fürs Kochen vorbereitet. Ich weiß, dass es ein schöner Abend wird. Eine gute Zeit.

Das Glück wird in keiner Einheit gemessen. Yep. Es ist ein volatiles Wesen. Man kann froh sein, wenn es da ist. Es kommt, es geht. Man kann ihm Türen öffnen und den Weg bereiten, zwingen und messen kann man es nicht. Ich liebe es, glücklich zu sein. Damit bin ich wahrscheinlich nicht allein. Ich arbeite daran. Manchmal gelingt es, manchmal nicht. Viveka würde sagen „So ist Leben.“

Ja, so ist Leben.

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