Im Rausch der Kunst

Fanta

Für Viveka!
(Die meint, ich würde zu wenig bloggen.)

Manchmal finden Dinge zusammen. Kulminieren. Manchmal ist es fast zu viel. Für einen Moment, eine Stunde, einen Tag. In diesem Fall eine Nacht.

Es ist einige Zeit her. Tatsächlich mag ich nicht nachdenken, wann. Vor einer Woche? Vor zwei Wochen? Egal. Köln. Viveka, Zoe und ich waren auf dem Weg zu meinem Bruder und meiner Mutter in die Eifel. Wir waren für samstags verabredet. Freitags waren Viveka und ich in Köln eingeladen. Ich habe Jens gefragt, ob wir seine Wohnung haben können. Bin ich am Wochenende nicht in Nosbach, ist er dort und seine Wohung in Köln ist frei. Praktisch. Und er ist einfach sehr nett und unkompliziert. So konnten wir dort schlafen und Barbaras Einladung zu ihrer Geburtstagsfeier annehmen.

Südstadt. Eine Bar, ein Club, ein Musikkeller. Was auch immer. Barbara Schachtner. Ich erwähne das, weil in diesem Text einige Namen erscheinen werden. In etwa so wie in einem russischen Roman. Ihr könnt schon einmal die Ohren anlegen und mitzählen.

Am gleichen Abend lief eine Vernissage in der wunderbaren Galerie des Sebastian Linnerz. Könnt ihr euch erinnern? Dort war ich auf Graham Foster gestoßen. Zeichnungen, Installationen, Arrangements. Dieses Mal wurden Fotos von Martin Classen ausgestellt. Der Rheinauhafen davor. Als die Kaufpreise für einen Quadratmeter noch nicht 8.000 € betrugen. Als die Podolskis dieser Welt den Menschen noch nicht von ihren Balkonen auf den Kopf spucken konnten. Gut. Das war anders. Lassen wir das mit dem Werten. Es gibt andere Probleme von größerer Bedeutung. Es ist einfach eine Geschmacksfrage.

Die Ausstellung läuft, die Fotografien sind schön, der Besuch lohnt sich. Wegen der Kunst, wegen der Nettigkeit des Gastgebers, wegen des Themas. Infos, Öffnungszeiten: Sebastian Linnerz – plus Raum für Bilder.

Tja, und kaum standen wir dort, trafen wir Helga Mols und David Grasekamp. Am Wochenende zuvor hatten wir einen intensiven Nachmittag in ihrem Atelierhaus. Helga hatte zur Ausstellung „Baumstücke“ geladen. Was dort alles geschehen ist an einem kurzen Nachmittag, was es zu sehen gab, weshalb sie mir eine Zeichnung geschenkt hat, später. In einem anderen Beitrag.

Füße

Helga und Davids Kunstweg begleite ich, mit ein wenig Distanz, nun seit einigen Jahren. Es ist schön, Entwicklungen mitzuerleben. Zu sehen, wie sich die Dinge fügen, wie Themen entstehen, in sich gewinnen, Fahrt aufnehmen, lebendig werden. Dieses Atelierhaus hat nach vielen, vielen Jahren des künstlerischen Schaffens eine Magie. Das rote Holzhaus an der Agger atmet. Farbe. Gesichter, Waffen, Blumen, Zweige, Tupfer, Sprenkel auf Leinwand. Öl.

Ich ging in der Galerie umher. Kam in das Arbeitszimmer von Sebastian, der dort mit einem Mann stand. „Jens, darf ich dir Boris Becker vorstellen.“ Mein Hirn arbeitete. Herrje. Namen. Etwas war da. Boris Becker. JA! Overath. Die Ausstellung im Kulturbahnhof, in der Helga und David ihre gemeinsame Arbeit ausgestellt hatten. Eine Aktion – „wir schenken der Stadt ein Museum“.

Fotografien. Zwei Stück. Exponiert ausgestellt. Inszeniert. Präsentiert. Jim und ich hatten lange davor gestanden. Der Boris Becker. Ich hatte seinerzeit über die beiden Arbeiten bloggen wollen, traute mich aber nicht, meine Fotos der Fotografien zu veröffentlichen. Urheberrecht. Man darf Fotos der Arbeiten nur so lange zeigen, wie die Ausstellung läuft. Ich habe keinen Bock auf diesen Mist und Anwälte und Abmahnungen und weiß der Teufel. Schweren Herzens hatte ich verzichtet, obwohl ich viel schreiben wollte. Die haben mich echt getroffen. Bang! Bautz! Tja. Und dann: Boris Becker himself.

„Fotografierst du?“ „Ja“ „Hast du zwei Arbeiten im Overather Kulturbahnhof ausgestellt?“ „Nein, äh,doch!“ Tja. Der Spiegel schreibt etwas von einem der bedeutendsten Fotokünstler Deutschlands. Einer der Besten, ist da zu lesen. Hat wie Gursky bei den Bechers in Düsseldorf studiert. Und seither Geschichte geschrieben. Verkürzt gesagt. Im nächsten Jahr stellt er im Landesmuseum Bonn aus. Ich bin dabei. Also schaue zu. Hin. Fahre hin, schaue sie mir an, die Bilder, die Ausstellung. Was für ein Gestammel wegen des großen Namens, Schönlau. Lande mal, wie Frau Beckmann sagen würde. Gut, gut.

Seine Arbeiten, über die ich nicht geschrieben habe, stammen aus der Serie Total Desaster. Sehr realistisch. Eine Küche, eine Hausrückwand. Jeweils voller Gegenstände, Details, Geschichten, Vermutungen, Anmutungen. Er hat erzählt, dass die Laboranten bei der Arbeit an „Grünwald, 2012“, an dem Küchenbild, Profiling betrieben haben. „Das muss ein älterer Mann sein, der da wohnt, wegen der Medikamente, und er hat ein Kind und ist Künstler. Und…“ Ja, meinte Becker, stimmt. Geschichten, die das Leben erzählt. Wir unterhielten uns, Helga und David kamen hinzu, Viveka auch. Beim Abschied hat er sich mit Viveka zum Rollmops-Essen verabredet. „Der Mann ist Fotokünstler, nett, charmant, isst Fisch, geht mit Freunden in Brauhäuser. So einer zum Anfassen.“ Geschichten, die das Leben schreibt.

Wir haben uns dann noch mit Martin Classen unterhalten, über Fotoarbeiten von ihm in der Eifel. Ein Zumthor-Projekt, die Bruder-Klaus-Kapelle in Mechernich. Zumthor, Kolumba, Köln. Es ist jetzt kurz nach 21 Uhr an diesem Freitagabend in Köln. Das Kolumba wird später noch Thema sein.

Wir verabschieden uns. Von allen. Helga Mols, David Grasekamp, Sebastian Linnerz, Martin Classen. Boris Becker ist schon weg. Umarmungen. Abschied. Die Nacht ist jung. Vorbei am Ebertplatz, ein Blick ins Labor, in die Tiefen der U-Bahn. Südstadt.

Labor

Ebertplatz

Als wir ankommen, ist niemand da. Niemand, den wir kennen. Wir gehen in den Keller, wo ein österreichischer Sänger mit mazedonischen Wurzeln singt. Von seinem Großvater, der den Nazis nicht verraten hat, wo die Söhne, die Partisanen sind, der am letzten Tag des Krieges von den Hakenkreuzlern ermordet wird. Ein sympathischer junger Mann, eine schöne Stimme. Er singt auf mazedonisch, die Geschichte hatte er zuvor erzählt. Das nimmt den Schrecken. Applaus. Zugabe. Wieder hoch: Barbara und Norbert treffen. Barbara Schachten und Norbert van Ackeren. Ich glaube zwei Wochen zuvor, drei Wochen zuvor hatten wir einen gemeinsamen Abend in Duisburg Ruhrort verbringen wollen. In Norberts Atelier. Norbert war krank geworden und hatte sich auskurieren müssen, um am nächsten Tag nach Paris zu können. (Das schreibe ich jetzt, weil Künstler und Paris schön romantisch klingt und die Stadt das jetzt gebrauchen kann.)

Ein DJ. Musik. Tanz. Ausgelassen. Unterhaltungen. Ich setze mich zu Marc Steinmann. Einer der Kolumba Kuratoren. Weil Barbara dort kürzlich mit ihrem Ensemble unterwegs aufgetreten war, hatten Viveka und ich erstmals den Weg dorthin gefunden. Schande. Mann! Was für ein Museum. Was für Räume! Dieses Land ist so unermesslich reich. Da kann ein ganzes Stadtarchiv unwiederbringlich weg brechen und in der Erde verschwinden, an anderer Stelle wächst etwas anderes aus dem Boden (das jetzt bitte nicht wörtlich nehmen wegen Jahreszahlen und Abfolgen und was, wann war und so… herrje). Oder: Wie vom Himmel gefallen. Trifft bei einem Diözesan-Museum wohl eher den Nagel auf den Kopf.

Wir haben uns über die Ausstellung unterhalten. Über das Konzept. Über die geschulten Sicherheitsleute, die vor Ausstellungseröffnung an die Exponate herangeführt werden. Jedes Detail stimmt. Das ist, was man im Kolumba spürt. Die Liebe zur Kunst. Natürlich habe ich mich noch mit Norbert unterhalten. Über Kunst, wo wir schon beim Thema waren. Mein persönlicher Arte-Themenabend. All diese Menschen, all diese Kunst in einer Nacht.

Am Ende sind wir im Tsunami gelandet. 90er Mucke. Zu The Cure getanzt. 1985. Hatte ich noch in den Füßen. Zeitsprung. Um 6 Uhr waren Viveka und ich im Bett. Die U-Bahnen fuhren wieder und die letzten Meter zur Wohnung musste Viveka barfuß gehen. Die Schuhe, die Nacht, das Tanzen. Ach, die Welt. Überbordend ergreifend. Fast zu viel für einen Landmenschen wie mich. Aber. Erfüllend. Und jetzt bin ich froh, die Nacht aufgeschrieben zu haben. Ehrlich? Ich hatte Respekt vor diesem Text. Wegen der Namen und der Größe. Den Dingen gerecht werden, ihnen Respekt erweisen, sich nicht verraten. Leicht schreiben, aus der Nacht heraus tanzen. Danke, Barbara, danke Sebastian, für die Einladungen. Es war mir, ich denke uns, also Viveka und mir (das schreibe ich jetzt einfach, weil ichs weiß), ein ausgesprochenes Vergnügen:)

Tsunami

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