Zusammenschau, Sebastian Linnerz, Graham Foster

Video Graham Foster: Zeichnungen Treatment. Hier das Video: Graham Foster Treatment (einfach mit der Maus über Graham Foster Treatment fahren und klicken)

Wenn ich Texte über Kunst und Künstler lese, dann klingt das oft so wissend und stringent und abschließend. Als wüsste man, worüber man schreibt. Einordnend, strukturierend, erklärend.

Ich weiß nicht, vielleicht schreibe ich auch so. Ich hoffe nicht.

Gerade komme ich aus der Eifel. Meine Mutter ist ziemlich krank. Medizin hilft ihr, zu überleben. Läuft die Chemie aus dem Ruder, wird es ihr übel. Und wir schauen zu und überlegen und denken und machen und tragen. Und rufen den Notarzt, der sie ins Krankenhaus bringt und wir warten vor der Notaufnahme und werden dann irgendwann gerufen und irgendeine Wunderpille lässt sie lächeln und mit Vergnügen ein Brötchen essen, das wir ihr schnell von der Tanke geholt haben.

Die logische Erkenntnis des Lebens auf dem Weg ist, dass das Leben Komplikationen bereit hält. Immer wieder.

Nun hat man auf der einen Seite eine Mutter, auf der anderen Seite ein Leben, das nach Gestaltung ruft. Arbeiten, leben. Es sich teilen mit anderen. Den Sehnsüchten auf der Spur, der Liebe.

Wie eigentlich immer drängen sich die Dinge dicht und überlagern sich. Es folgt nicht C auf B auf A. Es geschieht gleichzeitig.

Kunst.

Freitag „Problemzonen“ in Köln. Kunstverein Kölnberg. Ich werde später darüber schreiben, ich möchte mich an die Reihenfolge halten und schauen, dass ich das Erlebte und Gesehene noch erinnern und fassen kann. Deshalb zunächst plus/ Raum für Bilder. Fünfter Geburtstag der Galerie von Sebastian Linnerz. Vergangenen Freitag vor einer Woche. Köln, unweit des Ebertplatzes.

Zum Jubiläum eine Ausstellung mit neuen Werken von 16 Künstler*innen, die in den letzten 5 Jahren dort ausgestellt haben. Harte Aufgabe. Much to much Input. Ich kannte nicht alle Künstler*innen und ihre Werke und musste anhand der ausgestellten Werke versuchen, zu verstehen. Ich habe versagt. Ein Freitag nach einer langen Woche, ich bin nur ein Blogger aus Leidenschaft, ohne Anspruch an irgendeine Professionalität. Hier schreibe ich ausschließlich, wozu ich Lust habe. Nun.

Also war ich weder vorbereitet noch in der Lage, dem Ausgestellten gerecht zu werden.

Deshalb habe ich mich entschieden, auszuwählen.

Graham Foster.

Ich habe ihn gefragt, ob ich sein Bild fotografieren darf. Yes. Und ich habe mich mit ihm unterhalten über sein Bild und seine Arbeit.

Graham Foster ist Brite. Das unterscheidet ihn von mir. Das bedeutet, dass er einen anderen kulturellen Hintergrund hat, was ihn wiederum spannend macht. Nun ist anders sein allein nicht Grund genug. Es muss schon in einer Form anders sein, die globaler ist. Graham Foster ist schräg. Ich habe über ihn bereits geschrieben, und da nannte ich ihn Crazy Graham Foster. Daran hat er sich erinnert. Jetzt weiß ich, was crazy für mich bedeutet, aber ich weiß nicht, was crazy für Graham Foster bedeutet. Mein crazy ist ein Kompliment. Es bedeutet: Dass mich das, was ich als crazy bezeichne, berührt und bewegt.

Ja, das Werk Graham Fosters gehört zu den Werken, die mich berühren.

In dieser Ausstellung war es sein vierbeiniges Wesen mit Hufen und Klauen und Nasenhorn und Ledergeschirr, dass den Schwanz (Penis) des Tieres hoch bindet, und Propeller am Hintern. Darunter ein Satz in Fantasiesprache, die chinesisch anmutet und mit dem Stempel zu tun hat, der das Bild mit chinesischen Zeichen abbindet, die den Namen Graham Foster darstellen.

Die Zeichnung liegt unter einer Glasplatte, die ein riesiges iPad darstellt. Weshalb?

Graham hat mir erzählt, dass er eine Zeit lang ausschließlich mit dem iPad gezeichnet hat. Sein eigentliches Sujet sind seine wunderbaren Objekte, die nicht nur crazy, sondern wundervoll wahnsinnig sind. In seiner Welt sind sie sicherlich geordnet und verständlich, aber für Außenstehende wie mich sind sie wie Zeichen, die man erst entschlüsseln muss. Sie sind modern und archaisch zugleich. Es tauchen Uniformen und Rangabzeichen und Ornamente und Fratzen und Tiergesichter auf, die skurril anmuten könnten.

Tun sie nicht.

British humor. Spricht man mit Graham Foster über seine Kunst, überfällt ihn dieses wunderschön süffisante britische Lächeln. Seine Werke sind bei allem scheinbaren Abgrund von Humor durchzogen. Sie sind in einem tiefen künstlerischen Ansinnen witzig. Überall kleine Arabeseken und Applikationen der Ironie. Bund, wild, voller Andeutungen. Graham Foster nimmt das Leben auf die Schippe. Seine Arbeiten sind voller Details. In Sebastian Linnerz Ausstellungskatalog, in dem er alle Künstler mit Fotos aus ihren Ateliers vorstellt, ist der Blick auf Fosters Arbeitstisch hinterlegt. Werkzeuge und Materialien des lustvoll ironischen Blicks auf die Wirklichkeit.

Kindlich, infantil, bitterböse, leicht und schwer zugleich. Zeichen wie Marterpfähle. Irgendetwas zwischen Aufarbeitung einer militärisch-kolonialen Obsession der Vergangenheit und der Lust, über alles zu lachen oder zumindest zu schmunzeln.

Es war wieder ein sehr schöner Abend in Sebastian Linnerz Galerie, die zur Vernissage bestens besucht war. Ich fühle mich dort sehr wohl, weil dort sehr liebevoll und ganz im Sinne und Geiste der Kunst gearbeitet wird. Ein Projekt. Keine Ausrichtung auf Rendite. Dem Schönen, dem Guten verpflichtet. Wie funktioniert das 2019? Auf den Porsche verzichten, die Penthousewohnung. Arbeiten, lieben und dem eigenen Herzen verpflichtet sein. Macht nicht reich, aber erfüllt. Weil es Sinn macht. Danke, Sebastian Linnerz, immer wieder.

Nun freue ich mich, Zeit zu finden, über die nächste Ausstellung zu schreiben. Und dann, die nächste Ausstellung zu sehen. Helga Mols in Bergisch Gladbach.

Infos zur Galerie und zur Ausstellung: https://www.sebastianlinnerz.de

2 Antworten auf „Zusammenschau, Sebastian Linnerz, Graham Foster“

    1. Gerne. Bin gespannt. Muss gerade nur schauen, wie ich das zwischen Krankenhaus, Job und den anderen Kleinigkeiten hinbekomme. Habe ich auf jeden Fall auf dem Schirm und ich bin auch sehr gespannt.

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