Ruhig, schön, Herbst, Bowie, Prince, Steinbrüche, Steigerhaus, Film noir…

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Wieder Frank Ocean. Wieder das Sofa, der Kerzenleuchter brennt auf dem Ofen, das Licht ist aus, Jim zockt oben online mit Mattes, Zoe ist in Stuttgart und nutzt die Ferien und lässt sich zur Ernährungsberaterin ausbilden. Viveka ist mit meinem Auto in Essen. Der Zahnriemen, sie hat eine gute Werkstatt. Derweil bin ich mit ihrer Holly unterwegs. Ihr Kennzeichen trägt meine Initialen und mein Geburtsdatum. Sieht also so aus, als wäre es meine Holly. Ist sie aber nicht, obwohl, ich könnte schwach werden. Sie ist sehr nett zu mir.

Es ist schön, dass es jetzt Herbst wird und Ruhe einkehrt. Mag mich in die Zeit einmuscheln, mit dem Deckchen aufs Sofa, die Zeiten durchhören. Bowie, Prince. Es wird ein Fassbinder-Winter. Es scheint, dass ich süchtig werde nach alten Zeiten.

Nun könnte ich denken, das hat etwas mit Alter und Sentimentalitäten zu tun. Oder ich könnte denken, es hat etwas mit den Zeiten zu tun. Weder Bowie noch Prince noch Fassbinder kann man von den Bäumen pflücken. Wenn die weg sind, kann man nur noch die alten Sachen hören und sehen. Da kommt nichts Neues mehr.

Es waren andere Zeiten. Nun sollte man sich hüten, die Gegenwart gegen das Gestern aufzuwiegen. Habe ich immer gedacht. Aber nun holt es mich ein. Mir sind 100.000 Friedensaktivisten lieber als all die dumpf deutschnationalen Tendenzen aktuell.

Es scheint, dass ein Vakuum das Dunkle an die Oberfläche gesogen hat. Dresden. Als Viveka und ich dort waren, haben wir diesen Klaus getroffen. Der so frustriert war und erzählt hat, die Amis würden die ganze Stadt voll pissen. Da hatte ich gedacht: Oje, der Ärmste, der hat einen ‚Stasi-Honecker-DDR-Schaden‘. Ich habe ihm auf Englisch geantwortet und erzählt, dass ich aus New York sei. Da hat er nett auf Englisch geantwortet und von Vollpissen war nicht mehr die Rede. Ich denke, Klaus ist Montags dabei. Und ich denke, Klaus war damals in Leipzig nicht dabei, als ‚Wir sind das Volk‘ gerufen wurde und sich die Mauer in Wohlgefallen auflöste.

Klaus hat auch kein Bowie und Prince gehört und keine Fassbinder-Filme gesehen. Wahrscheinlich hätte er Pfui gesagt. Die Deutschen und die Kunst. So viele Museen, so viele Künstler, so wenig Respekt.

Es sind gefühlt viele Menschen geworden, die den Anstand verloren haben, die sich nicht benehmen, denen ein Gefühl für die Schönheit dieses Landes in seiner Komplexität fehlt. Weshalb übertönen diese dumpfen Schreie all das Tiefe, Wertige, Wunderbare?

Woher kommt der Hass? Aus gefühltem Unglück, aus Leere, aus Sinnverlust.

Gestern durch den Wald, die neue Heimat. Die ist schön. Anders, ganz anders als in Nosbach. Nosbach war das Maikäfertal, die Wiesen oben, Vivekas Irland, die Wälder bis ins Unendliche. Hier ist alles komprimierter. Mehr Menschen, mehr Zäune, mehr Straßen. Und dazwischen doch auch die unberührten Orte. Keinen Menschen getroffen. Das sind mir die liebsten Wege.

Alte Steinbrüche, mit Stacheldraht abgesperrt. Seen, Felswände. Ein Steinbruch ist offen. Naturschutzgebiet. Wunderschön, ein magischer Ort mit einer Eule. Dazu die Spuren des Bergbaus, die alten Bleigruben. Und ich wohne mittendrin im alten Verwaltungsgebäude oder Steigerhaus, wie ich jetzt gehört habe. Was ist ein Steigerhaus? Werde noch dahinter kommen.

Es ist ein Abenteuer, diese neue Welt zu erkunden und abends hier zu sitzen und Bowie und Prince zu hören und, zugegeben, Frank Ocean und Gregory Porter und Marvin Gaye und Gil Scott Heron und die Doors und dann die alten Filme zu sehen, die erzählen, dass das Leben keine Autobahn ist. Filme, die auf Gedanken beruhen, die mit sich ringen, die ungewohnt sind, weil die Gedanken noch nicht gedacht sind. Echte Aufgaben. Schöne Sätze. Konzepte.

Zu Weihnachten sollte ich mir Filmkollektionen wünschen. Von mir wünschen. Herr Schönlau, bitte, dies, jenes. Jim Jarmusch, Aki Kaurismäki, Peter Greenaway, Derek Jarman. Und dann zurückgehen. Film noir, italienischer Realismus. Wir haben eine Vergangenheit, eine Basis. Wir haben eine Geschichte, auf der wir fußen. Wir haben großes Glück, das wir mit Löffeln schaufeln sollten. Nachrichten mit der Pegida-AFD-NPD-Seehofer-Scheiße raus, die alten Filme rein. Und Bowie und Prince. Nicht zu vergessen. Und all die anderen. Was für ein Fundus. Spotify. Alles da. Saturn. Zweitausendeins? Gibt’s die noch?

Ach. Gute Nacht, träumt süß.

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