Weshalb ich in der Werbung arbeite

Arbeite ich in der Werbung?

Das alles ist eine lange Geschichte. Eigentlich erzähle ich sie nicht euch, sondern mir. Stefan, ein Kollege, der uns gerade verlassen hat, fragte mich einmal: „Jens, weshalb all diese Sachen. Der Blog, Facebook. Deine Bilder, Videos, Texte?“

Aus purer Eitelkeit, Stefan. Und weil all das irgendwo hin will. Das Texten, die Bilder, die Videos. Und weil es mein Tagebuch ist, in dem ich am Ende aller Tage nachblättern kann. Alles drin. All die Geschichten. Die Kinder, die Liebe, der Hund, die geliebten Frauen. Anekdoten, Storys, Kleinigkeiten, Meinungen, Politisches, Aufregung, Kunst, Kino. All das, was mich bewegt. Vielleicht ein ein wenig egozentrierter Blog. Ein Tagebuch eben. Öffentlich. Was manchmal zu Problemen geführt hat, weil Intimität im Denken und Fühlen manchmal exhibitionistisch wirkt. Für mich nicht.

Kapitel Werbung.

Ich wollte inszenieren. Ich habe unter anderem Germanistik studiert. Es sollte Bauigenieurwesen sein, ist aber Germanistik/ Politische Wissenschaft/ Internationale Technische und Wirtschaftliche Zusammenarbeit an der RWTH Aachen geworden. Fokus Theater. Ein expressionistisches Stück als Zwischenprüfung. Gelber Fluss. Am Ende tragen die wahnsinnig gewordenen Soldaten des ersten Weltkrieges ein Kreuz durch den Giftgasnebel und streben nach Erleuchtung. Mein Professor hatte mir über Kommilitonen ausrichten lassen, ich solle jetzt aufhören, bevor auch ich der Welt entschwinden würde…

Es war immer genug Bodenhaftung da. Die Sorge bestand nicht. Gerne wäre ich in der Droge der Kunst höher geflogen. Hospitanz Stadttheater Aachen. Hospitanz Stadttheater Heidelberg. Regieassistenz Nationaltheater Mannheim. Ich wollte nach oben. Ich wollte inszenieren. Ich wollte Stücke auf die Bühne bringen, die etwas bewegen. Ich war jung, naiv, pseudo-idealistisch. Rien ne va plus. Nichts geht mehr. 10 Jahre zu spät, vielleicht oder einfach nur blind.

Eine Familie gründen, Geld verdienen, Schotter machen. Eine Kölner Agentur, die mir eine Chance gibt als gut bezahlter Praktikant. Miete war drin, essen. Es lief. 01. April 1996: Adieu Praktikum, hasta la vista Baby. Selbstständigkeit. Eine Wohnung, ein Büro in Köln Ehrenfeld. Texten bis der Arzt kommt. Wenn mir im Leben immer etwas zugeflogen ist, dann waren es Worte. Aus Gedanken geflossene Worte. Ich glaube mein Gehirn arbeitet überwiegend in dem Modus, die 26 kleinen Freunde plus Umlaute in Reihenfolge zu bringen. Im Grunde bin ich ein antiquierter Computer, der mit Chiffren der Vergangenheit arbeitet. Ich liebe es, kann es nicht lassen. Sitze lange nach Feierabend am Küchentisch und haue Zeichen in den Blog.

Weshalb?

Es soll Sinn ergeben. Alles soll eine Ordnung haben. Die Dinge sollen sich zum Guten fügen.

Heute entwickle ich Marken. Ganz selten noch texte ich Broschüren. Frei mache ich das, Donnerstag und Freitag. Meistens. Da schreibe ich Presseberichte und über Biogasanlagen in Deutschland oder Müllaufbereitung in Kalifornien. Ich liebe das. Das ist einfach und entspannt. Finger fliegen lassen, lächeln, Kaffee trinken, raushauen. Wusch!

Einer meiner ersten Textjobs war ein Reisekatalog Spanien. Vier Wochen im Geiste durch alle Regionen. In der Bücherei Reiseführer ausleihen und Stories ausdenken, weshalb es in Andalusien oder im Baskenland so außerordentlich schön ist. Ich war auf Reisen, vor Ort. Im Geiste. Habe alles gerochen, gesehen, erlebt, gefühlt. In diesem Job braucht man eine gewisse Verrücktheit, die Fähigkeit, sich in Themen fallen zu lassen, sich aufzulösen, in dem Thema zu verschwinden. Am Ende des Tages gehst du nicht nach Hause und trinkst eine Tasse Tee. Es rattert. Die Maschine läuft, produziert.

Texter, Konzeptioner sind die schlechtbezahltesten Arbeiter, weil sie im Bett auf Nachtschicht sind. Du wachst auf und lächelst. Ja, jetzt, jetzt hab ichs. Und du ärgerst dich nicht, dass du aufgewacht bist, du freust dich, dass es Klick gemacht hat.

Du wartest immer auf das Klick. Irgendwo in deinem Kopf gibt es eine Lösung. Aber du siehst sie nicht. Ist wie Schach. Sinn ergeben.

Heute entwickle ich Marken. In den neunziger Jahren waren meine geisteswissenschaftlichen Freunde entsetzt. Schönlau in der Werbung. Der wollte doch am Theater die Welt revolutionieren. Jetzt verkauft er sich an den Klassenfeind. Der Marsch durch die Institutionen.

Ich mochte das Theater nicht mehr. Es war hierarchisch eklig. Es war bürgerlicher und spießiger als der Stammtisch zum goldenen Hirschen. Niemand wollte etwas bewegen. Es ging um Tarife, Regelungen, Ordnung, Abgrenzung. Es war Scheiße. Ein Umstoß war nicht in Sicht. Es ging darum, wer wo parkt. Wer wann etwas sagen darf. Um die Abnahme der Bühne durch die Feuerwehr. Und um Wasserleitungen in Schauspieler*innen-Garderoben: „Ich bin Nationaltheater-Schauspielerin!“. Herrje. Und ich bin der Regieassi, der damit kämpft, dass der Blitz eingeschlagen hat, die Beleuchtung abgefackelt ist und auch in der Generalrobe diese Bremse nicht funktioniert, die den Helden davor schützt, in der großen Rede auf dem kleinen Wagen auf den Arsch zu fallen. Göttliche Komödie.

Also Text. Werbung. Ein Auskommen, ein Arrangement, eine Zukunft. Lief. Der Herrgott hat mir ein vermarktbares Talent geschenkt. Geld, Familie, Haus, Landleben, Hund, Kombi. Das ganze Programm.

Irgendwann war Text plötzlich obsolet. Die Rechtschreibreform hatte für Zweifel gesorgt, ob Text tatsächlich noch den Stellenwert hat. Es wurde oberflächlicher, schludriger. Weniger wertvoll und damit preiswerter. Text im Web für Cents pro Zeile. Die schnelle, klingende Aneinanderreihung von Wörtern mit recht wenig Sinn und Verstand. So gar nicht mein Ding. Mechanisches Texten ohne Lust und Leidenschaft. Texten ist eine Droge. Die bringt dich drauf. Wenn es fließt, wird es automatisch. Die Buchstaben tanzen. Es ist ein Zustand, eine Dröhnung, ein Abfliegen.

Das ist meine Lust am Bloggen. Die Segel setzen, den Schirm aufspannen, abfliegen. Geiler ist nur Lyrik. Gedichte. Adieu Ratio, willkommen Paradies. Die Finger lecken nach schönen Worten, nach Konstruktionen, geheimen Codes und niemals zu entschlüsselnden Intimitäten. Fast nichts im Leben hat mich so glücklich gemacht wie ein schönes Gedicht. Klingt doof, ist unerklärlich. Aber einfach extrem intensiv.

Werbung.

War der Anfang. Später kam Marke hinzu, dann Kultur. Die Suche nach dem Unsichtbaren, nach dem, was niemand sieht. Dieses Phantom im Hintergrund. Der wahre Sinn.

Daran arbeite ich heute. Suche danach. Sitze in Workshops, höre zu, notiere. Und fühle nach. Was ist es? Es lässt sich nicht rational herleiten. Es hat nichts mit Zahlen und Diagrammen zu tun. Mit Menschen. Was bewegt Menschen dazu, etwas zu tun. Für eine Marke zu leben, zu arbeiten, zu brennen und sie zu kaufen. Ja, bei kaufen schreckt ihr auf. Ein unschönes monetäres Wort, aber die Basis für Sinnhaftigkeit. Für Gehälter. Für Existenz.

Marken geben Sinn, wenn sie die Menschen sehen. Warme Marken, herzliche Marken, soziale Marken. Marken als Fahne, auf denen etwas Gutes steht. Eine formulierte Vision in den letzten Monaten hieß: „Die Welt ein wenig schöner machen.“ Dafür lohnt es sich doch, zu arbeiten.

Arbeit einen Sinn geben macht mir mittlerweile viel mehr Spaß als vom Weltfrieden zu träumen. Ich arbeite in der Werbung, weil ich etwas bewegen kann. Weil ich in Unternehmen hineingeben kann, dass es alles immer auch mit Sinn und Verstand gibt. Wenn dabei Geld abfällt, bin ich d’accord. Soll es. Soll Mut bezahlt werden. Soll das Bessere im Sinne des Ganzen gewinnen.

Das Schönste ist, zu präsentieren und den neuen, veränderten Weg der Hoffnung zu zeigen. Wenn der Samen in Augen aufgeht, die leuchten. Und dann fängt die richtig harte Arbeit an, weil das Versprochene Realität werden soll. Und du kannst von deinem Versprechen nicht zurücktreten, du musst das Versprechen einer schöneren, besseren Welt gegen alle Skepsis einhalten. Mühsam ernährt sich das Eichhörnchen. Auf Worte Taten folgen lassen. In der Verantwortung stehen. Kein Werbegeschwafel. Kultur, Veränderung, Evolution. Kein einfaches Business. Aber das, was ich tun möchte.

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